Die Auslandsungarn – umstrittene staatsbürgerliche Rechte für eine Minderheit

Die Auslandsungarn – umstrittene staatsbürgerliche Rechte für eine Minderheit

Die Auslandsungarn – umstrittene staatsbürgerliche Rechte für eine Minderheit

Bereits der erste Staatspräsident, nachdem Ungarn seine Unabhängigkeit 1990 wieder erlangt hatte, Jozséf Antal, hatte den Anspruch, „Im Geiste der Ministerpräsident von 15 Millionen Ungarn“ zu sein. Dabei dachte der ehemalige Ministerpräsident wohl nicht nur an die weltweite ungarische Diaspora in Ländern wie Argentinien oder Australien, sondern insbesondere auch an die Ungarn, die in den Nachbarländern Ungarns leben und dort relativ bedeutende nationale Minderheiten sind. Der Großteil der rund 2,5 Millionen Ungarn, die in den Nachbarstaaten Ungarns leben, dürfte im rumänischen Transsylvanien zu finden sein, dort leben 1,5 Millionen Ungarn. Weitere ungarische Minderheiten finden sich in der der Vojvodina in Serbien, wo sie immerhin 13% der Gesamtbevölkerung ausmachen, in Kroatien hauptsächlich in Slawonien und Istrien, allerdings machen die Ungarn in Kroatien dem Zensus von 2011 zufolge insgesamt weniger als ein Prozent der kroatischen Gesamtbevölkerung aus. Ebenso im Süden der Slowakei lebt eine große ungarische Minderheit, die zwischen acht und neun Prozent der Gesamtbevölkerung in der Slowakei ausmacht.  Auch in der Ukraine, vor allem im Oblast Transkarpatien und im österreichischen Burgenland leben ungarische Minderheiten.

Die Ursache dafür, dass ein beträchtlicher Teil der Ungarn in Gebieten lebt, die nicht zum heutigen Staatsgebiet von Ungarn gehören, ist der in Westeuropa kaum bekannte Vertrag von Trianon. Dieser Vertrag war ein Teil der Versailler Verträge, der die nationalen Grenzen in der Pannonischen Tiefebene (die auch als Karpatenbecken bekannt ist) nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und des damit verbundenen Zerfalls des habsburgischen Reiches. Ungarn verlor im Rahmen dieses Vertrages zwei Drittel seines Staatsgebiets an Nachbarstaaten. Dies wird von manchen Kennern der Region als besonders traumatisch beschrieben, da in weiten Teilen der ungarischen Gesellschaft nach dem „nationalen Erwachen“ Ungarns im 19. Jahrhundert ein territoriales Verständnis der ungarischen Nationalität stets von großer Bedeutung war.

Dass dieses Verständnis der nationalen Identität bis heute politisch instrumentalisiert werden kann, zeigte Viktor Orbán zuletzt im Mai 2020, als er eine Karte Ungarns aus der Zeit vor 1920 auf Facebook postete, um Schülern Erfolg bei ihren anstehenden Prüfungen zu wünschen. Hochranginge Politiker der Nachbarstaaten Rumänien und Kroatien antworteten dann auch prompt mit Hinweisen darauf, dass das Posten veralteter Karten unangemessen sei und die Nachbarländer unnötigerweise verärgern würde. Während die offiziellen Beziehungen der Staaten unter dieser Episode zwar nicht direkt litten, wurde in Rumänien unmittelbar darauf folgend entschieden, Ungarisch in Transsylvanien nicht zur Staatssprache zu machen, was wiederum Proteste der Orbáns Fidesz-Partei nahestehenden Demokratischen Union der Ungarn in Rumänien auslöste.

Aber auch innenpolitisch ist es nicht unumstritten, dass die Menschen, die nicht in Ungarn wohnen, die Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht erhalten können, wenn mindestens einer ihrer Vorfahren die ungarische Staatsbürgerschaft besaß und sie selbst des Ungarischen mächtig sind. Diese Möglichkeit besteht seit 2014, als die Fidesz-Partei im Vorfeld der Wahlen das entsprechende Gesetz verabschiedete, während die Opposition der Meinung war, dass der einzige Zweck dieses Gesetzes die Mehrheitssicherung von Orbáns Partei bei den anstehenden Wahlen sei. Die Auslandsungarn haben bisher tatsächlich sowohl bei den Parlamentswahlen 2014 als auch 2018 überwiegend die Fidesz-Partei gewählt, manchen Erhebungen zufolge gingen 2014 sogar circa 95 Prozent der Stimmen aus dem Ausland an die Partei. Allein können die Auslandsungarn der Fidesz-Partei zwar nicht den Wahlsieg sichern, aber zu zwei bis drei der 199 Parlamentssitze dürften ihre Stimmen der Partei wohl verholfen haben. In weiten Teilen der liberalen Opposition wird es kritisch gesehen, dass nun auch Menschen in Ungarn wählen dürfen, die keine Steuern in Ungarn zahlen und von den Auswirkungen der Wahlen auch nur indirekt betroffen sind, da sie im Ausland leben. Insbesondere im Vorfeld von Wahlen kommt es in den sozialen Medien auch immer wieder zu massiven Anfeindungen dieser Wähler.

 

Quellen:

MDR- Artikel zur Rolle der Auslandsungarn in den Parlamentswahlen 2018: https://www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/ostblogger/auslandsungarn-wollen-orban-waehlen-100.html

Zur Demographie der ungarischen Minderheiten siehe Kapitány, B. (2015). Ethnic Hungarians in the neighbouring countries. Demographic portrait of Hungary. Kapitel 13, S. 225-239.

Zur Bedeutung, die der Vertrag von Trianon bis heute in der Region hat siehe: https://www.politico.eu/article/trianon-treaty-anniversary-hungary-viktor-orban/

https://kafkadesk.org/2019/06/04/the-trianon-treaty-and-hungarys-identity-crisis/

https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2013/03/ungarn-nationalsozialismus-holocaust/komplettansicht

https://www.mdr.de/zeitreise/trianon-ungarn-friedensvertrag-geschichte-100.html

Zur historischen Landkarte Ungarns: https://www.euronews.com/2020/05/08/viktor-orban-provokes-neighbours-with-historical-map-of-hungary-thecube

S. Eckert

Simon Eckert ist 1995 in Filderstadt geboren. Er ist in einem Dorf in Baden-Württemberg, das zwischen Tübingen und Stuttgart liegt, aufgewachsen. Nach der Schule hat er ein Freiwilliges soziales Jahr abgeleistet, bevor er an der Universität Witten/Herdecke Philosophie, Politik und Ökonomik studierte. Während des Studiums absolvierte er ein Auslandssemester in Lettland sowie verschiedene Sommeruniversitäten und Tagungen in Lettland und Ungarn und beschäftigte sich in seiner Bachelorarbeit mit dem Verhältnis der Entwicklung des Verhältnisses zwischen den Visegrád-Staaten und der EU seit 2015. Zuletzt absolvierte er einen Online-Freiwilligendienst zur Aufarbeitung der Leningrader Blockade mit Zeitzeugen und anderen jungen Menschen aus Russland und Deutschland.

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