Teil II: Estland | Die Baltischen Staaten vor 100 Jahren – Als das Kämpfen weiter ging

Teil II: Estland | Die Baltischen Staaten vor 100 Jahren – Als das Kämpfen weiter ging

Teil II: Estland | Die Baltischen Staaten vor 100 Jahren – Als das Kämpfen weiter ging

Nachdem im ersten Teil dieser kurzen Serie die historischen Ereignisse rund um die lettische Unabhängigkeit erläutert wurden, soll es diesmal um Estland, den nördlichsten der drei Baltischen Staaten gehen.

Vom Ersten Weltkrieg blieb das estnische Festland verschont, allerdings wurden die grossen estnischen Ostseeinseln im September 1916 von deutschen Landungstruppen besetzt.[1]

Das „nationale Erwachen“ der Esten hatte in der Mitte des 19. Jahrhundert stattgefunden[2]. Im Russischen Kaiserreich lebten Esten sowohl in der Provinz Estland, als auch im nördlichen Teil der Provinz Livland. Patriotische Esten arbeiteten daher lange daran, den estnischen Teil Livlands mit Estland zu vereinen und für die neue Provinz einen Autonomiestatus zu erhalten. Nach der Februarrevolution 2017 erlaubte die provisorische russische Regierung in Petrograd den Esten die freie Wahl eines eigenen Landtags, dem Maapäev, und fasste die estnisch bewohnten Gebiete zu einer administrativen Einheit zusammen[3]. Daraus entwickelte sich sehr schnell eine lebendige politische Kultur und ein reges Interesse der Bevölkerung für die Anliegen ihres kleinen Landes.

Der Maapäev wurde schnell gewählt und traf sich zum ersten Mal im Juli 1917. Wichtigster Repräsentant der nationalen Kräfte war der spätere Ministerpräsident und Diktator Konstantin Päts. Das neue Ziel lautete, Estland im Einklang mit den Plänen der provisorischen Regierung Russlands als unabhängigen Staat innerhalb einer noch zu bildenden russischen Föderation zu etablieren.[4]

Die politische Linke in Estland wurde in dieser Zeit von den Bolschewiki dominiert. Parallel zur Oktoberrevolution in Russland brachten sie auch Tallinn unter ihre Kontrolle.[5]

Die Bolschewiki verfolgten eine repressive Politik gegenüber der Opposition. Sie wollten sich nicht weiter mit der Nationalen Frage beschäftigen und konnten die Ordnung im Land nicht aufrechterhalten.[6] Bevor die Bolschewiki den Maapäev im November 1917 auflösen konnten, verkündete dieser jedoch, dass Estland eine Verfassung brauche und es dafür einer verfassungsgebenden Versammlung bedürfe. Für diese Aufgabe sei allein der Maapäev legitimiert. Die Mitglieder des Maapäev trafen sich weiterhin heimlich und pflegten diplomatische Kontakte mit westlichen Staaten und den russischen Gegnern der Bolschewiki. Man informierte sie darüber, dass man auf die Unabhängigkeit Estlands hinarbeite.[7]

Estland bestand nahezu ein Jahr als autonomes Gebiet innerhalb des russischen Herrschaftsbereichs, ehe es im Februar 1918 von deutschen Truppen besetzt wurde. Da die Bolschewiki zu dieser Zeit versuchten, die Friedensverhandlungen mit dem Deutschen Reich hinauszuzögern, wollten die deutsche Oberste Heeresleitung sie zum Friedensschluss zwingen. Da die russischen Soldaten wegen der internen Wirren im Land völlig orientierungslos waren, begannen deutsche Truppen im Rahmen der „Operation Faustschlag“ im Frühjahr 1918 damit, grosse Teile des russischen Westens zu besetzen. Wegen seiner Lage eignete sich Estland aus deutscher Sicht als perfekte Position um Petrograd direkt bedrohen zu können.[8]

Mit dem Beginn der Invasion flohen die Bolschewiki aus Estland. Der Maapäev hingegen handelte. Estnische Soldaten wurden angewiesen gegenüber den Deutschen neutral zu bleiben. [9] Die Amtsgeschäfte wurden an ein „nationales Rettungskomitee“ übertragen[10], welches eine Unabhängigkeitserklärung ausarbeitete. Am 23. Februar 1918 wurde die Unabhängigkeitserklärung verlesen, am 24. Februar erklärte sich das Rettungskomitee zur provisorischen Regierung und offiziell die estnische Unabhängigkeit. Am 25. Februar eroberten deutsche Truppen Tallinn. [11]

Der ursprüngliche Friedensvertrag zwischen Deutschen und Bolschewiki hätte eigentlich vorgesehen, dass Estland von den Russen geräumt wird und die Deutschen so lange eine Schutzfunktion wahrnehmen würden, bis die Esten selbst in der Lage wären die Sicherheit in ihrem eigenen Land zu gewährleisten.[12] Damit hätte einer deutsch-estnischen  Zusammenarbeit eigentlich nichts im Weg gestanden.

Allerdings dachten die Deutschen gar nicht daran die neubesetzen Gebiete zu Räumen, sondern gliederten sie ihrem Verwaltungsgebiet Ober Ost an[13]. Die provisorische Regierung und die Unabhängigkeit Estlands wurden vom Deutschen Reich nicht anerkannt.

Im April 1918 traten unter deutschbaltischer Führung die Landesversammlungen von Estland, Livland und Saaremaa (Ösel) zusammen und wählten einen vereinigten Landesrat. Dieser wiederum entschied sich dafür, ein Vereinigtes Baltisches Herzogtum zu Gründen. Es sollte die heutigen Staaten Estland und Lettland umfassen. Als Herzog war erst Kaiser Wilhelm II., danach Adolf Friedrich von Mecklenburg vorgesehen. Bis zu seinem Eintreffen würde ein Regentschaftsrat die Geschäfte vor Ort führen. Die konstituierende Sitzung des Regentschaftsrats war am 9. November 1918, also kurz vor der Kapitulation Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Beim Vereinigten Baltischen Herzogtum handelte es sich um ein rein deutsches „Projekt“. Es stützte sich auf die deutschbaltischen Landbesitzer, Privilegien des Ritterstandes aus dem 18. Jhdt. und die militärische Stärke der Besatzungsarmee. Die Beteiligung einiger Esten und Letten lässt sich auf massiven Druck durch die deutsche Besatzung zurückführen.[14]

Allgemein stiess das Vereinigte Baltische Herzogtum auf Ablehnung durch die estnische Bevölkerung. Für sie hatte bereits eine estnische Staatsgründung stattgefunden. Requisitionen durch die Besatzer sorgten zusätzlich für eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage für die Landbevölkerung und die Arbeiter in den Städten[15].

Die deutsche Kapitulation im Ersten Weltkrieg brachte eine erneute Wendung für das Schicksal Estlands. Am 11. November 1918 wurde die provisorische Regierung wieder eingesetzt[16]. Allerdings sammelten sich schon am gleichen Tag wieder russische Truppen an der Grenze. Am 13. November erklärte der russische Rat der Volkskommissare die Annullierung des Vertrags von Brest-Litovsk. Erste Truppen überschritten am 18. November 1918 den Grenzfluss Narwa und somit begann der Krieg zwischen Estland und dem Russland. Der Plan der Bolschewiki war es, eine Verbindung mit den Revolutionen in Deutschland und Österreich herzustellen und die Proletarier Westeuropas zur Weltrevolution zu ermuntern. [17]

Die ersten Angriffe auf estnisches Gebiet konnten noch durch abziehende deutsche und vorhandene estnische Einheiten erfolgreich zurückgeschlagen werden. Auf estnischer Seite kämpften viele Freiwillige, insbesondere Studenten und Gymnasiasten. Nachdem die deutschen Kontingente abzogen und die russische Marine mit Angriffen auf die Stellungen der Esten begann brach die Verteidigung jedoch zusammen. Am 29. November 1918 wurde mit der „Eesti Töörahva Kommuun (= Estnische Arbeiterkommune)“ eine Marionettenregierung eingesetzt und die Estnische Sowjetrepublik von Moskau anerkannt.[18]

Wie wichtig die Marine für den Erfolg der Bolschewiki war zeigt sich daran, dass die Rote Armee bis Ende 1918 bis 30km vor Tallinn vorstiess und ganz Südestland besetzt hielt. Erst das Eintreffen britischer Marineverbände hinderte die bolschewistische Flotte an weiteren Aktivitäten in der Ostsee und versorgte die Esten mit dringend gebrauchtem Kriegsmaterial.[19] Dadurch gelang es, neue Soldaten für die Streitkräfte aus- und aufzurüsten.[20] Hinzu kamen internationale Freiwillige aus Finnland, Lettland, Dänemark, Schweden, die antibolschewistische russische Nordwestarmee der „Weissen“ unter General Judenitsch und die „Landwehr“ der deutschbaltischen Bevölkerung.[21]

Diesen vereinten Streitkräften gelang es, die Grenzen Estlands bis zum Februar 1919 wiederherzustellen. Sobald die grösste Bedrohung für das junge Land vorerst gebannt war, konnte sich die Regierung weiteren Problemen widmen. Ein kommunistischer Aufstand auf den Inseln Saaremaa und Muhu konnte unterdrückt werden und Getreidelieferungen und Kredite aus dem Ausland halfen dabei, die Versorgungslage der Bevölkerung deutlich zu verbessern. Am 23. April 1919 trat endlich eine gewählte verfassungsgebende Versammlung zusammen welche die im Juni 1920 verabschiedete Verfassung ausarbeiten konnte. [22]

Die grösste Gefahr für die Sicherheit Estlands stellte die Grenze zu Lettland dar, weswegen die estnische Armee gemeinsam mit der lettischen Nordarmee auch auf lettischem Territorium agierte. Gefahr drohte hier nicht nur von der Roten Armee, sondern auch von deutschnationalistischen ehemaligen Freikorpskämpfern. Nominell unterstanden sie dem „weissen“ Befehlshaber Bermondt-Awalow. Nahe der lettischen Stadt Cēsis kam es am 23. Juni 1919 zur Schlacht. Bis heute wird der Tag in Estland als Siegestag gefeiert.[23]

Aus estnischer Sicht war die Situation im Sommer und Herbst 1919 absurd. Estland befand sich im Krieg mit den Bolschewiki und im Süden mit der „Weissen“ Bermondt-Armee. Auf Druck ihrer britischen Verbündeten unterstützten estnische Truppen jedoch gleichzeitig die ebenfalls weisse Nordwestarmee des General Judenitsch bei ihrem Vormarsch auf Petrograd. Die Stadt konnte jedoch nicht eingenommen werden und Judenitsch wurde von den Verteidigern bis zum Ende des Jahres 1919 wieder auf estnisches Gebiet zurückgeschlagen.[24]

Weder Estland, noch die Rote Armee hatten danach ein Interesse an der Weiterführung des Krieges. „Weisse“ Soldaten wurden deshalb in Estland interniert und am 2. Februar 1920 schlossen Estland und die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik den Friedensvertrag von Tartu. Darin erkannten sich beide Staaten gegenseitig als unabhängige Staaten an.[25]

 

Referenzen:

[1] von Rauch, S. 40f.

[2] Kasekamp, S. 27.

[3] Stopinski, S. 146; Tuchtenhagen, S. 80.

[4] Laur et al, S. 205f.

[5] Plakans, S. 296.

[6] Ebd.

[7] Laur et al, S. 208ff.

[8] Liulevicius, S. 257.

[9] Laur et al, S. 208ff.

[10] von Rauch, S. 53; Plakans, S. 297

[11] Prehn, S. 12f.

[12] Friedensvertrag von Brest-Litovsk, Art. 6.

[13] Liulevicius, S. 259.

[14] von Rauch, S. 55ff; Tuchtenhagen, S. 81.

[15] Liulevicius, S. 259.

[16] Laur et al, S. 210f.

[17] Stopinski, S. 192; Vgl. Payne, S. 47f u. 56.

[18] Laur et al., S. 212f; von Rauch, S. 57.

[19] Palmer, S. 280ff.

[20] Plakans, S. 301; Laur et al., S. 212f.; Payne, S. 48.

[21] von Rauch, S. 60f. Sarkees, u. Wayman, S. 124; Gräfe, S. 22.

[22] Laur et al., S. 215f.

[23] Laur et. al., S. 217; Liulevicius, S. 284.

[24] Laur et al., S. 218f; von Rauch, S. 75.

[25] Gräfe, S. 23f; Von Rauch, S. 77f; Stopinski, S. 245 u. 249f.

S. Schupp

Sebastian Schupp befindet sich im Masterstudium für Geschichte im Hauptfach und Politikwissenschaften im Nebenfach an der Universität Luzern. Sein Interesse liegt vor allem bei der europäischen Geschichte des 19. Und 20. Jahrhunderts, speziell in MOSO. Während einem ERASMUS-Semester in Riga und Sprachaufenthalten in Kiew konnte er persönliche Eindrücke vom Alltag und den Kulturen in Mittelosteuropa gewinnen.

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