Ein junger Feiertag mit langer Tradition: Der 29. August in der Slowakei

Ein junger Feiertag mit langer Tradition: Der 29. August in der Slowakei

Ein junger Feiertag mit langer Tradition: Der 29. August in der Slowakei

Der 29. August hat in der Slowakei mit der Unabhängigkeitserklärung 1993 offiziell den Status eines Feiertages bekommen, obwohl der Feiertag eigentlich auf den 29. August 1944 zurückgeht. An diesem Tag fand im vorletzten Kriegsjahr des 2. Weltkriegs ein Aufstand gegen das Dritte Reich und dessen Verbündeten, dem Tiso-Regime statt, neben den Warschauer Aufständen gehörte dieser Aufstand zu den größten Erhebungen gegen den Nationalsozialismus in Osteuropa. Die Widerstandskämpfer des SNP (Slovenské národné povstanie/Slowakischer Nationalaufstand) kamen aber aus gesellschaftlich und politisch sehr unterschiedlichen Kreisen. Auch die Anführer des Aufstandes waren sehr heterogen und verfolgten verschiedene Visionen und Ziele.[1]

Der Aufstand band zu seinem Höhepunkt 50 000 Soldaten der Achsenmächte, diese konnten den Aufstand letztendlich auch innerhalb von zwei Monaten niederschlagen[2], aber nur wenige Monate später rückten die Armeen der Alliierten nach Deutschland vor und beendeten den Zweiten Weltkrieg. Schon kurz nach der Wiederherstellung des Tschechoslowakischen Staates begann der Kampf um die Deutungshoheit über den Slowakischen Nationalaufstand.[3]

1948: Der 29. August im Zeichen kommunistischer Propaganda

Der erste Jahrestag des SNP, am 29. August 1945 wurde noch relativ gemäßigt gefeiert, mit Kranzniederlegungen, Aufmärschen und Aufrufen zum Wiederaufbau zerstörter Dörfer.[4] Doch ab 1948, als die Kommunistische Partei immer mehr Macht im Staat bekam begann die politische Instrumentalisierung des SNP. Die Kommunistische Partei erlangte die Kontrolle über die wichtigsten Kommunikationskanäle im Land und konnte dadurch ihr eigenes Bild vom SNP verbreiten.

Der SNP wurde von ihnen als ein kommunistisch motivierter, nationsübergreifender Aufstand dargestellt. Ab 1949 wurde der 29. August sogar in der ganzen Tschechoslowakei gefeiert. In den 50er Jahren breitete sich die Macht der Kommunistischen Partei weiter aus, es kam zu Repressionen und politischen Prozessen, denen sogar einige Aufständige selbst zum Opfer fielen.[5]

Ähnlich wie bei vielen anderen Kommunistischen Regimes in Osteuropa hat sich die Kommunistische Partei in der Slowakei im Laufe der Zeit vom realsozialistischen Dogmatismus entfernt und führte Liberalisierungen durch, um die Bevölkerung zu besänftigen. So wurden zum Beispiel 1963 die verurteilten Aufständigen begnadigt und es kam zu einer Rückkehr slowakischer patriotischer Symbolik.[6]

1993: Der 29. August unter Bedrängnis von rechts-außen

Mit dem Ende des kommunistischen Regimes 1989 konnte der Aufstand von 1944 und dessen Symbolik wieder offener diskutiert werden und durch die Unabhängigkeit der Slowakei wurde der 29. August ab 1993 zum offiziellen Feiertag ausgerufen. Die slowakische Historikerin Elena Mannová meint, dass der SNP nach 1989 als demokratische, proeuropäische Tradition und als Rückgrat der modernen slowakischen Geschichte bewertet wird.

Dieser Geschichtsauffassung widerspricht nur das extrem rechte Lager, welches Sympathien für das NS-Kollaborationsregime unter Jozef Tiso hat. Ab den 90er Jahren waren solche Parteien auch mehrmals Mitglieder in Regierungskoalitionen und diese versuchten die Bedeutung des 29. August in Misskredit zu ziehen.

Der 29. August wird heute hauptsächlich in Banska Bystrica (dem Ausgangsort des Aufstandes) gefeiert, im Rest der Slowakei wird der Feiertag nicht mehr so pompös gefeiert, wie noch vor einigen Jahrzehnten.[7] Ob diese Gleichgültigkeit in der Slowakei gegenüber dem 29. August mit einer Umdeutung des Geschichtsbildes durch die Nationalisten begründet werden kann, oder ein  allgemeines Desinteresse an Geschichte daran schuld ist, kann man nicht wirklich sagen. Aber laut einer repräsentativen Umfrage von 2003 wird der SNP in der Slowakei immer noch als eines der vier positivsten historischen Ereignisse nach 1918 betrachtet. Das am negativsten bewertete Ereignis war die Deportation der Juden im 2. Weltkrieg.[8]

 

Referenzen:

[1] Elena Mannova, Jubiläumskampagnen und Uminterpretationen des Slowakischen Nationalaufstandes von 1944. In: Rudolf Jaworski, Jan Kusber (Hrsg.), Erinnern mit Hindernissen. Osteuropäische Gedenktage im 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts (Mainzer Beiträge zur Geschichte Osteuropas, Band 4, Berlin 2011),S.201-240, hier: S. 202.

[2] Ivan Chalupecký, Feiern und Gedenktage in der Slowakei. In: Emil Brix, Hannes Steckl (Hrsg.), Der Kampf um das Gedächtnis. Öffentliche Gedenktage in Mitteleuropa (Wien, Köln, Weimar 1997), S. 189-204, hier: S. 195.

[3] Elena Mannova, Jubiläumskampagnen und Uminterpretationen des Slowakischen Nationalaufstandes von 1944, S. 203.

[4] Elena Mannova, Jubiläumskampagnen und Uminterpretationen des Slowakischen Nationalaufstandes von 1944, S. 204.

[5] Jozef Jablonický, Povojné osudy povstalcov [Die Nachkriegsgeschichte der Aufständischen]. In: Dezider Tóth, Katarína Kováčiková (Hrsg.), SNP 1944. Vstup slowenska do demokratickej Európy (Banská Bystrica 1999), S. 129-144, hier S. 336-340.

[6] Elena Mannova, Jubiläumskampagnen und Uminterpretationen des Slowakischen Nationalaufstandes von 1944, S. 216.

[7] Ivan Chalupecký, Feiern und Gedenktage in der Slowakei, S. 196.

[8] Elena Mannova, Jubiläumskampagnen und Uminterpretationen des Slowakischen Nationalaufstandes von 1944, S. 237.

G. Hutter

Gregor Hutter studiert in Wien im Bachelor Geschichte und Publizistik lernt derzeit Polnisch und Ukrainisch. Schreiben, bloggen, lesen und reisen zählen zu seinen Hobbies. Der ostmitteleuropäische Raum zählt zu seinen Hauptinteressen, daher schreibt und recherchiert gerne, um mehr über die Geschichte, Kultur und Gesellschaft dieses Raumes herauszufinden.

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