Teil I: Lettland | Die Baltischen Staaten vor 100 Jahren – Als das Kämpfen weiter ging

Teil I: Lettland | Die Baltischen Staaten vor 100 Jahren – Als das Kämpfen weiter ging

Teil I: Lettland | Die Baltischen Staaten vor 100 Jahren – Als das Kämpfen weiter ging

Das Jahr 2018 nähert sich mit grossen Schritten seinem Ende. Und damit auch ein Jahr der grossen Jubiläen. 400 Jahre ist es her seit der Dreissigjährige Krieg begonnen hat, zweihundert Jahre seit der Geburt von Karl Marx und einhundert Jahren endete der Erste Weltkrieg. Auch in Mittelost- und Südosteuropa (MOSO) war 2018 jubiläumstechnisch viel los. Unter anderen feierten Litauen, Estland, Polen und Lettland hundertjährige Unabhängigkeitsjubiläen. Tatsächlich bieten Jubiläen und Jahrestage wunderbare Möglichkeiten, um sich genauer mit einem historischen Thema auseinanderzusetzen und auf bestimmte Ereignisse aufmerksam zu machen. Gleichzeitig läuft man bei Jubiläumsfeiern jedoch Gefahr Geschichte zu vereinfachen und aufwenige singuläre Ereignisse zu reduzieren. Am Beispiel Lettlands soll im Folgenden gezeigt werden, dass den Baltischen Staaten die Unabhängigkeit nicht einfach als „Nebeneffekt“ durch das Ende des Ersten Weltkriegs in den Schoss fiel. Vielmehr mussten diese jungen Nationen in weiteren Jahren harter Kämpfe ihre staatliche Unabhängigkeit behaupten.

Das Gebiet des heutigen Lettland war sehr stark vom Ersten Weltkrieg betroffen. Nach anfänglichen Erfolgen der russischen Armee 1914 hatte das deutsche Heer im Herbst 1915 die Front bis kurz vor Riga verschoben. Entlang der Daugava (Düna) blieb sie für etwa zwei Jahre bestehen. Der Krieg hatte Lettland in zwei Teile gespalten und aus den deutsch besetzen Gebieten waren die meisten Letten geflohen bzw. evakuiert worden.[1]

Im russischen Heer kämpften über 120 000 lettische Soldaten und wegen der grossen Bedeutung der Front an der Daugava gestattete die russische Armeeführung bereits sehr früh die Aufstellung von rein lettischen Einheiten. Schon 1916 waren 40 000 Letten als „lettische Schützen“ organisiert. Ihre Kommandosprache und Feldzeichen waren lettisch und wegen ihrer Schlagkraft waren die Lettischen Schützen so etwas wie die „Elitetruppe“ der russischen Armee. Damit wurden sie zu Symbolen für die lettische Nationalbewegung. Da die Lettische Schützen jedoch immer wieder mit hohen Verlusten zu kämpfen hatten und häufig an den schwierigsten Frontabschnitten eingesetzt wurden, kam unter ihnen der Verdacht auf, dass sie von ihren Offizieren als „Kanonenfutter“ missbraucht würden. Als Folge machtensich unter ihnen früh bolschewistische Ideen breit und nach derOktoberrevolution in Russland schlossen sie sich nahezu geschlossen als „RoteLettische Schützen“ den Bolschewiki an.[2] 

Im nichtbesetzten, d.h. zu diesem Zeitpunkt noch russischen Teil Lettlands waren die Bolschewiki sogar schon nach der Februarrevolution die stärkste politische Kraft. Um die Erfolge der Oktoberrevolution in Russland nicht durch eine Fortsetzung des Krieges mit den Mittelmächten zu gefährden, verzichteten die Bolschewiki im Vertrag von Brest-Litowsk im März 1918 und weiteren Zusatzverträgen auf grosse Gebiete des ehemaligen Zarenreichs in Mittelosteuropa, darunter auch das Baltikum.[3]

Vereinfacht dargestellt sahen die deutschen Pläne für diese Gebiete vor, einen Gürtel von abhängigen, monarchistisch regierten Staaten zu errichten. Lettland sollte besonders eng an Deutschland gebunden und Kurland zum Siedlungsgebiet für Kriegsveteranen gemacht werden. Die alteingesessene deutschbaltische Landbesitzerschicht Lettlands konnte sich mit diesen Plänen arrangieren.[4] Aufgrund der Kriegswirren, administrativer Probleme, den Forderungen der lokalen Bevölkerung, dem Ehrgeiz diverser deutscher Adelsgeschlechter und nicht zuletzt wegen der mangelnden völkerrechtlichen Anerkennung gestaltete sich der Aufbau dieser „Vasallenstaaten“ als schwierig.  

Als am 11. November 1918 der Erste Weltkrieg zu Ende ging änderte sich die Situation für Lettland erneut. Zunächst dauerte es einige Tage bis sich die lettischen Politiker soweit organisiert hatten, dass sie am 18. November die Unabhängigkeit Lettlands als Republik ausrufen konnten. Der erste Premierminister des Landes wurde Kārlis Ulmanis.[5] Gleichzeitig stand dem jungen Staat bereits die nächste Krise bevor. Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands durch das Deutsche Reich mit den westlichen Mächten wurden dessen frühere Verträge mit Russland annulliert. Noch am Tag der Unabhängigkeitserklärung Lettlands überschritt die Rote Armee die Grenze zu Estland[6]. Es war nur eine Frage der Zeit bis sie auch in Lettland einmarschierte, zumal in Moskau schon eine Regierung für die Lettische Sozialistische Sowjetrepublik um Pēteris Stučka aufgebaut wurde. Tatsächlich erfolgte der Einmarsch vom besetzten estnischen Gebiet bei der Grenzstadt Valka/Valga am 17. Dezember 1918.[7]

An für sich wären die deutschen Besatzungstruppen, die immer noch im Baltikum stationiert waren, vertraglich dazu verpflichtet gewesen, eine Schutzfunktion für die jungen Staaten im Baltikum auszuüben. Die Kriegsmüden Soldaten vor Ort hatten jedoch wenig Lust dazu ihr Leben in neuen Kämpfen gegen die Bolschewiki zu riskieren. Noch dazu im Auftrag der ehemaligen Kriegsgegner England, Frankreich und USA. Nicht wenige von ihnen waren selber revolutionär Gesinnt und daher zog sich die deutsche Armee „im Zustand der Auflösung und rote Fahnen tragend Richtung Heimat zurück“.[8]

Das schnelle Vorrücken der Roten Armee in Richtung Ostpreussen und die Einnahme Rigas am 3. Januar 1919 Riga sorgte für Panik beim deutschen Oberkommando und traditionell nationalistischen Kreisen. Man fürchtete den Zusammenschluss der russischen Revolutionäre mit jenen in Deutschland. Immerhin war auch hier die politische Zukunft zu dieser Zeit mehr als nur ungewiss. Aus Veteranen der 8. Armee, Freikorps, frisch angeworbenen Freiwilligen aus dem Deutschen Reich und der deutschbaltischen „Landeswehr“ wurde hastig die sogenannte „Eiserne Division“ zur Verteidigung der „Ostfront“ aufgestellt. Die demokratisch gesinnte lettische Regierung war zu diesem Zeitpunkt nach Liepāja geflohen und weil sie über kaum nennenswerte Streitkräfte verfügte sah sie sich zu einem Pakt mit dem Teufel gezwungen. Unter dem deutschen Oberkommando begannen reichsdeutsche, deutschbaltische, lettische und russische („Weisse“ aus dem russischen Bürgerkrieg) Kämpfer im Februar 1919 mit einer Offensive gegen die Bolschewiki in Lettland.[9]

Vor der Eroberung Rigas im Mai wandte sich ein Teil der Armee gegen die Ulmanis-Regierung. Mit der Idee, die früheren Kriegsziele im Osten nun doch noch durchsetzen zu können, installierte die „Eiserne Division“ eine Marionettenregierung in Riga. Gleichzeitig hatte die estnische Armee, in deren Reihen viele lettische Freiwillige kämpften, im Mai ebenfalls eine Offensive gegen die Bolschewiki begonnen und dabei das lettische Livland befreit. Das parallele Vorgehen gegen die „Roten“ hatte beiden Parteien gleichermassen den Kampf erleichtert. Es wäre zu diesem Zeitpunkt logisch gewesen, gemeinsam weiter gegen die Bolschewiki vorzugehen, welche sich nach Lettgallen zurückgezogen hatten. Die „Eiserne Division“ wollte nun aber auch Estland erobern, allerdings noch auf lettischem Gebiet in der Schlacht bei Cēsis von den Esten geschlagen. [10] 

Die Briten hatten sich in dieser Zeit im Russischen Bürgerkrieg auf die Seite der „Weissen“ gestellt. Ihnen lag viel daran, alle anti-bolschweistischen Kräfte im Kampf vereint zu sehen. Es ist ihrer Intervention zu verdanken, dass es vorerst nicht zu einer weiteren Eskalation der Gewalt kam. Die estnisch-lettische Armee verzichtete auf einen Angriff auf Riga. Die Briten übten Druck auf die deutschen Behörden aus, die ihrerseits den Rückzug aller reichsdeutschen Soldaten anordnete.  Die lettische Regierung um Ulmanis wurde wiedereingesetzt, und eine Integration der „Landeswehr“ in die neue lettische Armee durchgeführt.[11]

Was nun passierte könnte auch die Handlung eines schlechten Fernsehfilms sein: Die deutschen Freiwilligen die sich zur „Eisernen Division“ gemeldet hatten waren zumeist Nationalisten, Söldner, Kriegsromantiker und Abenteurer. Diese Männer nannten sich „Baltikumer“ und waren nach Lettland gekommen um zu bleiben. Anstatt also im August zurück nach Deutschland zu fahren, meuterten sie und unterstellten sich nominell dem Befehlshaber der ( „weissen“) russischen Westarmee, Pawel Bermondt-Awalow. Als sogenannte Bermondt-Armee besetzten sie Kurland und einen Teil von Nordlitauen und versuchten während dem Oktober und November 1919 erneut Riga einzunehmen. Unterstützt durch Esten und britische Schiffe gelang es der lettischen Armee jedoch die Stadt zu verteidigen und bis Jahresende 1919 alle verbliebenen Kämpfer der Bermondt-Armee aus Lettland zu vertreiben.[12]

Nach diesem Erfolgt dauerte es nicht lange um auch die letzten bolschewistischen Kämpfer in Lettgallen besiegen. Am 1. Februar 1920 wurde ein Waffenstillstand und am 22. August 1920 ein Friedensvertrag zwischen Lettland und der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik geschlossen und die lettische Unabhängigkeit anerkannt.[13]


[1] LIULEVICIUS, VEJAS GABRIEL: Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und

Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg. Hamburg, 2002, S. 33

[2] PAYNE, STANLEY: Civil War in Europe, 1905-1949. New York, 2011, S. 40

[3] PAYNE, S. 39f.

[4] LIULEVICIUS, S. 204 u. 260; GRÄFE, KARL HEINZ: Vom Donnerkreuz zum Hakenkreuz. Die baltischen Staaten zwischen Diktatur und Okkupation. Berlin, 2010, S. 3f; ,O’CONNOR, KEVIN: The History of the Baltic States. Westport, 2003. S. 78.

[5] GRÄFE, S. 24.

[6] STOPINSKI, SIGMAR: Das Baltikum im Patt der M.chte. Zur Entstehung Estlands, Lettlands und Litauens im Gefolge des Ersten Weltkriegs. Berlin, 1997, S. 192; Vgl. PAYNE, S. 47f u. 56.

[7] STOPINSKI, S. 195.

[8] LIULEVICIUS, S. 273-277. Wörtliches Zitat S. 275.

[9] STOPINSKI, S. 200-204.

[10] LIULEVICIUS, S. 284.

[11] Ebd.

[12] STOPINSKI, S. 243f;

[13] GRÄFE, S. 23f; STOPINSKI, S. 245 u. 249f.

S. Schupp

Sebastian Schupp befindet sich im Masterstudium für Geschichte im Hauptfach und Politikwissenschaften im Nebenfach an der Universität Luzern. Sein Interesse liegt vor allem bei der europäischen Geschichte des 19. Und 20. Jahrhunderts, speziell in MOSO. Während einem ERASMUS-Semester in Riga und Sprachaufenthalten in Kiew konnte er persönliche Eindrücke vom Alltag und den Kulturen in Mittelosteuropa gewinnen.

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