Wieso Sprachen im Baltikum ein Politikum sind

Wieso Sprachen im Baltikum ein Politikum sind

Wieso Sprachen im Baltikum ein Politikum sind

In den drei baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen leben jeweils große russischsprachige Minderheiten. Dass diese Minderheiten im Laufe der Sowjetzeit anteilsmäßig auch aufgrund der Deportation der ethnischen Balten größer geworden sind, führt bei der Anerkennung der Sprachenrechte, vor allem der russischen Minderheit noch bis heute immer wieder zu Problemen.

In Lettland und Estland sind jeweils ca. 25 Prozent der Bevölkerung ethnisch russisch. In Litauen dagegen sind die Minderheiten kleiner und die größte Minderheit ist die ethnisch polnische mit einem Bevölkerungsanteil von 5,6 Prozent, gefolgt von der russischen mit 4,4 Prozent. In allen drei Staaten machen außerdem die belarussische und die ukrainische Minderheit zwischen einem und zwei Prozent der Bevölkerung aus. Damit lebt im Baltikum die größte russischsprachige Minderheit in Europa. Diese Minderheit ist in allen drei Staaten stark auf bestimmten Gebieten konzentriert, mit Abstand am stärksten in der lettischen Hauptstadt Rīga, in der die russischsprachige Bevölkerung fast die Hälfte der Bewohner ausmacht.

Schon als 1989 das Ende der Sowjetunion nahte, wandten sich die „Volksfronten“, die sich die „nationale Wiedergeburt“ der baltischen Länder zum Ziel gesetzt hatten, gegen einen Schutz der Sprache der russischen Bevölkerung und standen dafür in der Kritik. Dies ist auch vor dem Hintergrund zu verstehen, dass während der Sowjetzeit im Baltikum zwar von den Balten erwartet wurde russisch zu lernen, die baltischen Sprachen in der Regel aber nicht von den dort lebenden Russischsprachigen gelernt wurden. Vor diesem Hintergrund ist auch besser zu verstehen, dass in Litauen nach dem Ende der Sowjetunion alle dort lebenden Bürger die litauische Staatsbürgerschaft erhielten, während im stärker von der Russifizierungspolitik betroffenen Estland und Lettland nur die Bürger, deren Vorfahren die lettische bzw. die estnische Staatsbürgerschaft besaßen automatisch zu den Staatsbürgern der neuen Staaten wurden. Für die größtenteils durch Arbeitsmigration zugezogenen Russischsprachigen wurden hohe Hürden bei der Einbürgerung in Form von Tests zur Sprach- und Landeskunde geschaffen. Da nicht alle Bürger der neuen Staaten dazu bereit waren, diese Tests zu absolvieren, gibt es in Lettland und Estland bis heute Menschen ohne Staatsangehörigkeit. In den 90er-Jahren führte dies in Lettland auch dazu, dass die Kinder der Staatenlosen ebenfalls staatenlos wurden. Dies wurde jedoch auf Drängen der Europäischen Union Mitte der 90er-Jahre geändert, da es Lettland sonst womöglich nicht möglich gewesen wäre, der EU 2004 schließlich beizutreten.

Dass die Sprachen bis heute sehr politisiert sind und auch eine enge Verbindung der Sprachenpolitik zum angespannten Verhältnis zwischen den baltischen Staaten und Russland besteht, zeigte zuletzt das Verbot einiger russischsprachiger Programme des russischen Staatsfernsehens und seiner Ableger in allen drei baltischen Staaten. Dafür wurden die Staaten dann auch prompt von der NGO Reporter ohne Grenzen scharf kritisiert, wobei jedoch selbst deren Geschäftsführer anerkannte, dass die betroffenen Medien „teilweise aggressive Desinformation betreiben.“

Im Gegensatz zur starken Politisierung der Sprachenfrage steht es jedoch, dass die Sprachen in alltäglichen Situationen oft kein Problem sind. Ich selbst habe während meines Studiums in Lettland beides erlebt, einmal wurde der Versuch eines Bekannten in einer Kneipe Russisch zu sprechen, mit dem Hinweis beantwortet, dass hier Englisch oder Lettisch gesprochen werde, aber auf keinen Fall Russisch. Anderseits wurde ich beim Sport aber auch gefragt, ob ich Russisch besser als Lettisch verstehen könne, um mir entgegen zu kommen.

 

Quellen:

Zur Geschichte der Sprachenpolitik im Baltikum https://www.jstor.org/stable/pdf/44916589.pdf?refreqid=excelsior%3A6b040ad9dddc835413706cac399962fd

https://www.bpb.de/apuz/242513/minderheitenintegration-in-den-baltischen-staaten

Zur Einbürgerungspolitik und den Sprachtests in Lettland:

https://www.deutschlandfunk.de/lettische-einwanderungspolitik-ein-nichtbuerger-in-riga.795.de.html?dram:article_id=439921

https://www.deutschlandfunk.de/nichtbuerger-in-lettland-den-lettischen-pass-gibt-s-nur-mit.795.de.html?dram:article_id=439934

Zum Umgang mit den Sprachen im Alltag:

https://www.deutschlandfunk.de/lettland-sobald-ein-russe-dabei-ist-sprechen-wir-russisch.795.de.html?dram:article_id=439953

Zur Sperrung russischer Medien im Baltikum:

https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-07/rt-russland-baltische-staaten-programm-sperrung/komplettansicht

S. Eckert

Simon Eckert ist 1995 in Filderstadt geboren. Er ist in einem Dorf in Baden-Württemberg, das zwischen Tübingen und Stuttgart liegt, aufgewachsen. Nach der Schule hat er ein Freiwilliges soziales Jahr abgeleistet, bevor er an der Universität Witten/Herdecke Philosophie, Politik und Ökonomik studierte. Während des Studiums absolvierte er ein Auslandssemester in Lettland sowie verschiedene Sommeruniversitäten und Tagungen in Lettland und Ungarn und beschäftigte sich in seiner Bachelorarbeit mit dem Verhältnis der Entwicklung des Verhältnisses zwischen den Visegrád-Staaten und der EU seit 2015. Zuletzt absolvierte er einen Online-Freiwilligendienst zur Aufarbeitung der Leningrader Blockade mit Zeitzeugen und anderen jungen Menschen aus Russland und Deutschland.

Related Articles

Leave a Reply

Close