Islam(isierung) in Bosnien?

Islam(isierung) in Bosnien?

Islam(isierung) in Bosnien?

Die terroristischen Anschläge in Paris (2015) und Brüssel (2016) erschütterten die ganze Welt. Dabei wurde auch klar, dass die Jihadisten nicht weit weg weilten, sondern unter uns. Wenig ist jedoch hierzulande zur Situation auf dem Balkan bekannt. Insbesondere Bosnien und Herzegowina steht immer wieder im Fokus. So wurde im Oktober 2011 die amerikanische Botschaft in Sarajevo von Mevlid Jasarevic, einem Salafisten, angegriffen. Er wurde schliesslich zu 15 Jahren Haft verurteilt. In einem Interview liess er später verkünden, dass er bereue, niemanden umgebracht zu haben (Dnevni Avaz, 25. 01. 2016). Im November 2015 wurden bei einem Angriff zwei Soldaten der bosnischen Armee getötet –  ein islamistisches Motiv steckte sehr wahrscheinlich, laut den Nachbarn des Angreifers und den polizeilichen Ermittlungen, dahinter.

Solche Ereignisse rücken Bosnien und Herzegowina immer wieder ins Scheinwerferlicht, aber auch die Tatsache, dass es immer mehr radikale, ultrakonservative Enklaven gibt, die einen „puritanischen“ Islam nach den Regeln des Salafismus (auch Wahabismus genannt) leben.

So ist immer wieder das Dorf Gornja Maoca im Norden des Landes im Fokus von Ermittlungen. Gemäss Untersuchungen des ARD Weltspiegels (08.02.2016) leben um die 212 Salafisten im Dorf. Frauen sind von Kopf bis Fuss verschleiert und es wird angenommen, dass Polygamie gelebt wird – obwohl dies in Bosnien und Herzegowina eigentlich strafbar ist. Die Polizei patrouilliert regelmässig im Dorf, und Aussenstehende meiden den Kontakt zu den Dorfbewohnern. Im Interview mit Edis Bosnić, dem Dorfsprecher, wird deutlich, dass deren Ziel die Errichtung eines islamischen Kalifats ist.

Eigene Ermittlungen und Gespräche im Land veranschaulichen die Situation ebenfalls: Das Interview mit einer jungen Frau in Gornji Vakuf-Uskoplje in Zentralbosnien verdeutlicht, dass diese „radikalen“ Enklaven Realität sind und von Aussenstehenden aus Furcht gemieden werden. Beim Durchfahren durch eine solche Ortschaft ist die Stimmung angespannt; es scheint so als sei man in einer anderen Zeit steckengeblieben. Ältere, bärtige Männer sitzen vor ihren Häusern und beobachten die Eindringlinge mit eiserner Miene. Frauen laufen in traditionellen Gewändern rum; ganz anders als in den modernen Teilen des Städtchens, wo muslimische Mädchen in Miniröcken in den lokalen Bars sitzen oder das Fitnesscenter besuchen.

Dieses „traditionelle, radikale“ Bild war jedoch lange Zeit untypisch für Bosnien und Herzegowina: Trotz muslimischer Mehrheit (50.11%, Stand 2013) wurde ein sehr liberaler Islam – nach sunnitisch-hanafitischer Rechtsschule gelebt (Der hanafitischen Rechtsschule gehören etwa die Hälfte der Sunniten an). Ein Grund dafür ist die Säkularisierung des Landes während der jugoslawischen Herrschaft: Religion durfte nicht offen ausgelebt werden und blieb meistens im Kreise der Familie.

Die heutigen Salafismus-Sympathisanten können hauptsächlich auf die Kriegszeit zurückgeführt werden. Während des Krieges kamen ausländische Krieger und „Helfer“, um die bosnische Armee zu unterstützen. Da die Bosniaken – die muslimische Bevölkerung Bosniens – den anderen beiden Gruppen militärisch und finanziell deutlich unterlegen waren, wurde jede Hilfe begrüsst. Diese radikalen Krieger aus dem Ausland (Iran, Saudi-Arabien, Afghanistan etc.) verpönten den liberalen Islam der Bosniaken und nutzen die Unsicherheit in der Nachkriegszeit, um ihre radikalen Ideen zu verbreiten. Die Bekannteste Kriegseinheit, El-Mujahid, bestand aus 200 arabischen Kämpfern und etwa 500-600 Bosniaken. Gemäss eines Berichtes des Bosnischen Militärzentrums für Analyse und Statistik von 1995 interessierten sich diese Krieger mehr daran die bosnischen Soldaten zu bekehren als zu kämpfen. In einer Zeit der Unsicherheit und Zerstörung stiessen die Salafisten auf fruchtbaren Boden, und sie schafften es, Leute für sich zu gewinnen.

Finanzielle Mittel aus arabischen Staaten flossen ebenfalls ins Land und wurden vor allem für den Bau von Schulen, Waisenheimen, Moscheen und islamischen Einrichtungen aufgewendet. Jedoch sind nicht nur religiöse Einrichtungen von dieser Re-Islamisierung betroffen: In Sarajevo wurde ein hochmodernes Einkaufszentrum, das Sarajevo City Center, von den Saudis errichtet. Alkohol darf im Zentrum nicht getrunken werden und es befindet sich ein Gebetsraum mitten im Konsumtempel.

Obwohl im Land immer noch ein sehr liberaler Islam gelebt wird, kann man nicht abstreiten, dass die Nachkriegsjahre eine neue, konservativere Strömung produziert haben, die sich vom Islam, der zur Zeit Jugoslawiens gelebt wurde, deutlich unterscheidet.

 

Quellen:

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Drehscheibe-fuer-salafistische-Imame/story/16304925

http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/bosnien-islam-weltspiegel-100.html

http://www.css.ethz.ch/en/services/digital-library/articles/article.html/92320

http://www.avaz.ba/clanak/216239/mevlid-jasarevic-kajem-se-sto-nisam-nikog-ubio?url=clanak/216239/mevlid-jasarevic-kajem-se-sto-nisam-nikog-ubio

http://www.nzz.ch/international/europa/salafismus-in-bosnien-der-pietist-aus-osve-ld.116126

Rakic, M. & Jurisic, D. (2012). Wahhabism as a Militant Form of Islam on Europe’s Doorstep. Studies in Conflict & Terrorism, 35, p.650-663.

Karcic, H. (2010). Globallisation and Islam in Bosnia: Foreign Influences and their Effects. Totalitarian Movements and Political Religions, 11(2), p. 151-166.

Bildquelee: www.weltspiegel.de

M Z

M. Z. hat das Masterstudium Transnational Studies – mit Fokus auf Menschenrechte, Globalisierung, Politik und ethnopolitische Konflikte – am University College London absolviert. Nebenbei arbeitete sie bei Minority Rights Group International in einem EU-finanzierten Projekt zur Stärkung der Menschenrechte und Inklusion in Bosnien und Herzegowina und wirkte in einem Uni-Magazin als Autorin mit. Zu ihren Interessensgebieten zählen vor allem Südosteuropa (Balkan), Menschenrechte, Integration und Migration, Diasporastudien und ethnopolitische Konflikte.

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