Die Quietschente als Protestzeichen gegen Serbiens undurchsichtige Politik

Die Quietschente als Protestzeichen gegen Serbiens undurchsichtige Politik

Die Quietschente als Protestzeichen gegen Serbiens undurchsichtige Politik

Geht es nach dem serbischen Premier Aleksandar Vučić, stehen Modernisierung und Prestige beim riesigen Bauprojekt „Belgrade Waterfront“ (Beograd na vodi) im Vordergrund. Dieses von Vučić ins Leben gerufene und auf zwei Jahrzehnte angesetzte Vorhaben soll die serbische Wirtschaft ankurbeln und neuen Wohnraum schaffen, finanziert wird es großteils durch Eagle Hills aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. So verwundert es auch nicht, dass das Projekt mit seinem auffallenden Design an Abu Dhabi und die durch Öl-Export finanzierten Hochhäuser erinnert. In Belgrad soll es am Ufer der Save, in Hauptbahnhof-Nähe, ein gesamtes Stadtviertel modernisieren. Zugleich mit dem Bauvorhaben entwickelte sich eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die sich gegen die Zerstörung der entstandenen Kulturszene und die Privatisierung des öffentlichen Raums wehrte und sich für die Einbindung der Bevölkerung bei der Stadtplanung einsetzte.

Die Initiative Ne da(vi)mo Beograd („Wir geben Belgrad nicht her – Wir lassen Belgrad nicht untergehen“ – mit einer Anspielung auf „Belgrad am Wasser“) entwickelte sich zur treibenden Organisationskraft hinter den Protesten, bei denen der bekannteste Teil des betroffenen Viertels, Savamala, ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Schlussendlich ausgelöst wurden die Straßendemonstrationen durch eine Nacht-und-Nebel-Aktion der Stadtregierung Ende April 2016, als vermummte Männer mit schweren Geräten mehrere Gebäude entlang der Save demolierten und Menschen drangsalierten – ein Augenzeuge verstarb später. Geschützt wurden sie dabei von Seiten der Polizei, die nicht eingegriffen hatte, das berichtete der serbische Ombudsmann Saša Janković. Die Involvierung von hohen Stadtvertretern wurde von Premier Vučić zugegeben. Der Bürgermeister von Belgrad Sinisa Mali sieht sich nicht in der Verantwortung, kündigte jedoch Konsequenzen für etwaige Schuldige an (Pantovic 2016). Ob dieser Ankündigung Taten folgen, darf bezweifelt werden.

Bereits 2015 wurde die gelbe Quietschente zum Symbol des Protests: Im Serbischen ist „patka“, die Ente, zugleich mit Betrug konnotiert (Freeman-Woolpert 2016). Damit versuchten die Organisatoren, auf die Korruption und intransparente Durchführung des Bauprojekts aufmerksam zu machen. Die politische Verantwortung für das Prestigeprojekt trägt vor allem Vučić, wodurch nicht nur die „Belgrade-Waterfront“ staatliche Bedeutung erlangte, sondern sich auch die Proteste – ausgehend vom „Untergang“ Belgrads – gegen Vučić und seine umfassende Machtkonzentration im Land richten. Durch den gegenwärtigen Erfolg der Protestbewegung formierte sie sich zeitgleich zu einer politischen oppositionellen Kraft – zumindest in Belgrad (Kmezić 2016).  Die Demonstrationen werden dabei zwar zugelassen, bekommen jedoch durch die schwindende Pressefreiheit keinerlei oder kaum Beachtung in den Mainstream-Medien (Dragojlo 2016) und erreichen somit kaum eine breitere Öffentlichkeit. Während bei den Protestmärschen laut Veranstalter teilweise zwischen 10.000 und 25.000 Menschen teilnahmen, berichteten Medien von rund 2.000.

Von Ende April bis zur Sommerpause fanden regelmäßig Proteste statt, am 29. September kehrten sie nun zurück. Verfolgen kann man die Initiative z.B. auf dem eigenen Twitter-Account sowie unter den Social-Media Hashtags #NeDavimoBeograd oder #NDMBGD.

 

Literatur:

„Belgrade Waterfront“: Mega-Bauprojekt in Belgrad gestartet. Der Standard. Online unter: http://derstandard.at/2000022910814/Belgrade-Waterfront-Mega-Bauprojekt-in-Belgrad-gestartet.

Dragojlo, Sasa. 2016. Serbia’s Controlled Media Are Ignoring Waterfront Protests. Balkan Insight. Online unter: http://www.balkaninsight.com/en/article/serbian-media-selectively-reporting-on-waterfront-protesters-05-26-2016.

Freeman-Woolpert, Sarah. 2016. Repression backfires in Serbia, fueling anti-corruption movement. Waging Nonviolence. Online unter: http://wagingnonviolence.org/feature/belgrade-waterfront-project-corruption-duck-protest/.

Kmezić, Marko. 2016. The Masks have Fallen in Serbian House of Cards. Balkan in Europe Policy Blog. Online unter: http://www.suedosteuropa.uni-graz.at/biepag/node/216.

Pantovic, Milivoje. 2016. Serbian PM Blames Belgrade Officials for Demolitions. Balkan Insight. Online unter: http://www.balkaninsight.com/en/article/belgrade-s-officials-involved-in-savamala-demolitions-vucic-says-06-08-2016.

Tomovic, Dusica und Krstic, Emma. 2016. The Balkans Today: 23rd-30th May 2016. Balkan Insight. Online unter: http://live.balkaninsight.com/Event/The_Balkans_Today_23th_-_30th_May_2016/275008483?ss=1.

Bildquelle: https://inserbia.info/today/2015/04/protest-against-belgrade-waterfront/_mg_2176/

J. Pranzl

Joachim Pranzl – Student, der gerne mal weggeht, um dann auch wieder nach Hause zurückzukehren. Zivildienst in Rumänien brachte das Interesse für Südosteuropa und die Schwarzmeerregion. Geschichte-BA an der Uni Wien, zurzeit in Gedanken bei Abschlussarbeiten für die MA-Studien Southeastern European Studies und Geschichte an der Uni Graz. Zwischendurch mal längere und mal kürzere Aufenthalte in diversen Ländern, zuletzt ein Jahr in Belgrad. Interessiert sich für geschichtliche und politische Prozesse. Kritisiert auch mal gerne, denn kritisieren ist immer leichter als selber machen.

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