Griechenland und die Türkei nach dem Putschversuch: Neue Chancen, neue Gefahren

Griechenland und die Türkei nach dem Putschversuch: Neue Chancen, neue Gefahren

Griechenland und die Türkei nach dem Putschversuch: Neue Chancen, neue Gefahren

Die geopolitischen Folgen des misslungenen Putschversuchs in der Türkei sind noch nicht abzuschätzen. Erdoğan macht sich zwar mit seinen rabiaten Säuberungsaktionen und einem zunehmend autoritären und unberechenbaren Führungsstil insbesondere bei den westlichen Partnern unbeliebt, hat aber in der Vergangenheit in strategischen Fragen immer wieder Realismus bewiesen. Es bleibt abzuwarten, wie er mittelfristig die Türkei positionieren will.

In der EU und NATO verfolgt man den Kurs der Türkei aufmerksam, eine gewisse Nervosität ist jedoch nicht zu leugnen – diese Nervosität ist in Griechenland nicht unbemerkt geblieben. Die Türkei ist natürlich ein unverzichtbarer Partner in einer unruhigen Region, den man nicht leichtfertig fallen lassen wird. In Athen wird allerdings bereits heftig diskutiert, inwiefern die neue Situation Chancen und Gefahren für Griechenland birgt.

Einen ersten Vorgeschmack gab es durch die überraschende Ankunft der acht türkischen Soldaten in einem Armeehelikopter in Nordostgriechenland und ihr Ersuchen um politisches Asyl. Ankara forderte energisch die sofortige Auslieferung der Soldaten, die sie der Beteiligung am Putschversuch beschuldigte. Griechenland hat bereits signalisiert, die Soldaten auszuliefern, sollten sie als Putschisten identifiziert werden. Im nicht unwahrscheinlichen Fall der Wiedereinführung der Todesstrafe in der Türkei wäre dies jedoch nicht mehr möglich – damit wären diplomatische Verstimmungen vorprogrammiert.

Beziehungen vorerst nicht gefährdet

Die oftmals gerne angeführte Erbfeindschaft zwischen Griechenland und der Türkei ist schon seit langem einer pragmatischen Beziehung gewichen, die besser ist, als mithin angenommen wird. In den letzten zwei Jahrzehnten sind die Handelsbeziehungen stark angestiegen, der Tourismus (insbesondere von der Türkei nach Griechenland) nimmt stetig zu und die Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen ist insbesondere hinsichtlich der Bewegungen von Jihadisten von und nach Europa  enger geworden.

Es gibt jedoch weiterhin auch zahlreiche Probleme zwischen den zwei Staaten. Neben der akuten Flüchtlingsproblematik, die jederzeit wieder beträchtliche Ausmasse annehmen könnte, gibt es auch eine Reihe von langanhaltenden Disputen. Allen voran sei da der Zypernkonflikt erwähnt, der in letzter Zeit in Bewegung gekommen war und dessen weiterer Verlauf jedoch plötzlich wieder unklar erscheint. Die neue Welle des Nationalismus, die momentan über die Türkei geschwappt ist, wird auch mit Sorge hinsichtlich der Streitigkeiten über den Grenzverlauf in der Ägäis registriert, wo es immer wieder Provokationen von türkischer Seite gibt, die sich mit dem Status quo nicht zufrieden gibt. Wäre der Putsch aber erfolgreich gewesen, hätte sich Athen mit einer kemalistischen Militärregierung in der unmittelbaren Nachbarschaft arrangieren müssen, die noch stärker nationalistisch orientiert gewesen wäre und gegenüber Griechenland vermutlich aggressiver aufgetreten wäre. Entsprechende Erfahrungen hat man mit den früheren türkischen Militärregierungen gesammelt.

Die bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Staaten sind trotz allem vorerst  nicht gefährdet. Griechenland hat ein eminentes Interesse an einer stabilen Türkei, die Türkei wiederum hat bereits genug Probleme mit anderen Nachbarn und keinerlei Interesse an einer Verschlechterung des Verhältnisses mit Griechenland.

Stabilität als oberstes Gebot

Die offensichtliche Verschlechterung der türkisch-amerikanischen Beziehungen ist  auf jeden Fall auch für Griechenland von Belang. Amerikanische Politiker haben sich bereits dafür ausgesprochen, Griechenland zu stabilisieren und aufzuwerten. Einerseits durch eine teilweise Streichung der Schulden und eine Lockerung der Austeritätspolitik, die natürlich auch direkte Auswirkungen auf das Militärbudget des Landes hat. Andererseits durch die Verstärkung des NATO-Stützpunktes auf Kreta, in dem grösstenteils US-Streitkräfte stationiert sind.

Ökonomisch und strategisch wäre das für Griechenland durchaus positiv – es stellt sich jedoch erstens die Frage der Machbarkeit und zweitens die des zu bezahlenden Preises: Paradoxerweise erscheint im Moment Griechenland als ein Anker der Stabilität in der Region, was man in Athen gerne hört. Lieber würde man aber wahrscheinlich hören, dass die Türkei selber ein verlässlicher und integrer Partner bliebe.

 

Bildquelle: http://www.ekathimerini.com/resources/2016-05/tsipras_erdogan_web--2-thumb-large.jpg

G. Mavris

Giannis Mavris hat einen BA in Geschichte und Recht und einen MA in European Studies von der Universität Basel. Nach einem Hochschulpraktikum auf der Schweizerischen Botschaft in Athen und einem Volontariat im Inland-Ressort der NZZ in Zürich lebt er mittlerweile als freischaffender Journalist in Athen.

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