Rezension: Der Balkan im 20. Jahrhundert – Eine postimperiale Geschichte

Rezension: Der Balkan im 20. Jahrhundert – Eine postimperiale Geschichte

Rezension: Der Balkan im 20. Jahrhundert – Eine postimperiale Geschichte

Den Balkan mit seiner Geschichte als Region zwischen zwei Imperien (dem Osmanischen und dem Habsburger Reich) und seinen jungen Nationalstaaten prägten im 20. Jahrhundert mehrere gewaltsame Umwälzungen.

Um die Geschichte dieses Teils Europas im Laufe des vergangenen Jahrhunderts auf anspruchsvollen 336 Seiten zu erzählen, wählt der aus der Schweiz stammende Historiker Oliver Jens Schmitt eben diese drei Zugänge aus: eine postimperiale Perspektive, Nationalstaaten als historische Akteure und Gewaltgeschichte. Dabei setzt er in seiner Darstellung auf die großen Zusammenhänge und auf detaillierte Analyse von Strukturen; Ereignisgeschichte zieht er nur zur Kontextualisierung heran.

Gegliedert ist das Buch in vier zeitliche Einheiten, räumlich werden die Staaten Jugoslawien (sowie dessen Regionen und Nachfolgestaaten), Rumänien, Bulgarien, Albanien und Griechenland behandelt. Den ersten Abschnitt bildet die Zeit von 1912 bis 1923, die Schmitt als „das erste Kriegsjahrzehnt“ bezeichnet. Hier werden die drei Balkankriege und der Erste Weltkrieg sowie dessen langes Kriegsende behandelt.

Thema des zweiten Abschnitts sind der durch die Kriege zuvor verursachte Zusammenbruch der Imperien am Balkan sowie Bildung und Aufbau der Nationalstaaten in der Zwischenkriegszeit. Der Autor verwendet hier den Begriff des „postimperialen kompositen Staates“, um die Charakteristik dieser jungen Nationalstaaten zu beschreiben, da sich diese nun größtenteils aus ethnisch sehr heterogenen Regionen mit unterschiedlicher imperialer Vergangenheit zusammensetzten. Als Beispiel aus dem Buch sei hier Rumänien angeführt, das nach dem Ersten Weltkrieg zu seinem vormaligen Territorium das ungarische Siebenbürgen erhielt, in dem zudem noch Deutsche, Juden und Roma siedelten. Die Entwicklung der beiden Landesteile war in Infrastruktur, Bildung und Lebensstandard eine ganz unterschiedliche gewesen und die Problematiken bei der Zusammenführung und Integration des neuen, ehemals habsburgischen Teils, ziehen sich durch die weitere Geschichte Rumäniens. Ähnliche Herausforderungen in der Nationalstaatsbildung treffen insbesondere auch auf Jugoslawien zu, das im 20. Jahrhundert gleich zweimal zerbrach.

Im dritten Abschnitt behandelt Schmitt „das zweite Kriegsjahrzehnt“, das er als die Jahre von 1939 bis 1949 fasst. Das lange Ende des Krieges trifft hier wie beim Ersten Weltkrieg besonders auf Griechenland zu, das von in der Folge des Zweiten Weltkriegs von einem Bürgerkrieg erschüttert wurde. Der Autor wählt hier besonders den Zugang der Gewaltgeschichte und analysiert die Rolle der Balkan-Staaten im Geschehen des Zweiten Weltkriegs und der Shoah. Neu bewertet wird hier zum Beispiel die Stellung der beiden Mitglieder der Achse: Bulgarien und Rumänien, deren eigenständige Rolle betont und die Frage nach deren Verantwortung im Holocaust gestellt wird. Auch das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutsche Reich werden als (Gewalt-)Akteure ebenso sichtbar gemacht, wie das Regime der Ustaša oder Partisanen.

Im vierten und letzten Abschnitt des Buches, der die Zeit des Kommunismus am Balkan und dessen teils gewaltsames Ende behandelt (Putsch in Rumänien, Jugoslawienkriege), versucht Schmitt den Blick für eine differenzierte Betrachtung der kommunistischen Regime zu schärfen. Die besondere Rolle Jugoslawiens wird ebenso beleuchtet wie die Wege Bulgariens, Rumäniens und Albaniens innerhalb des Ostblocks, sowie der Griechenlands außerhalb davon. Der Autor zeigt hier auf, dass auf dem Balkan eigenständige nationalistisch agierende Staaten versuchten ihren „eigenen“ Kommunismus zu gestalten und keineswegs als einheitlicher Block an der Seite der Sowjetunion auftraten.

Die postimperiale Perspektive ermöglicht einen neuen Blick auf die Geschichte des Balkans im 20. Jahrhundert. Der rote Faden, der sich durch dieses Buch zieht, sind die Strategien, mit denen die Nationalstaaten am Balkan versuchten, ihre imperiale Vergangenheit zu bewältigen, alte Strukturen zu beseitigen und schlichtweg zu überleben.

 

Oliver Jens Schmitt, Der Balkan im 20. Jahrhundert. Eine postimperiale Geschichte (Verlag W. Kohlhammer: Stuttgart 2019), 336 Seiten. ISBN: 978-3-17-031860-1

M. Haderer

Michael Haderer studiert derzeit Geschichte, Politikwissenschaften und Hungarologie an der Universität Wien. In seinem Studium hat er sich selbst den Schwerpunkt auf Mittelost- und Südosteuropa gelegt. Aus Österreich stammend haben Sprach- und private Reisen sein Interesse für MOSO weiter geweckt. Zurzeit ist er als Praktikant bei FOMOSO tätig.

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