Polnisch-Litauische Gebietsstreitigkeiten

Polnisch-Litauische Gebietsstreitigkeiten

Polnisch-Litauische Gebietsstreitigkeiten

Der Polnisch-Litauische Krieg von 1920 bezieht sich auf kriegerische Handlungen zwischen Litauen und Polen nach dem Ersten Weltkrieg. Der Krieg hatte bezeichnende Grenzverschiebungen zur Folge, die sich auf Europas territoriale Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg auswirkten. Im Zentrum des Konfliktes stand die Gebietskontrolle über die Regionen um die Städte Vilnius und Suwałki. Der Konflikt wird durch die beiden Konfliktparteien unterschiedlich kategorisiert: In der litauischen Geschichtsschreibung wird der Polnisch-Litauische Krieg als Teil der litauischen Unabhängigkeitskriege gesehen, während der polnische Narrativ zum Konflikt diesen als Teil des Polnisch-Sowjetischen Krieges sieht. Daher wird auch die Dauer des Konfliktes unterschiedlich angegeben, einerseits vom Frühjahr 1919 bis zum 29. November 1920 in der litauischen Geschichtsschreibung und andererseits vom 1. September 1920 bis zum 7. Oktober 1920 in der polnischen Geschichtsschreibung.

 

Entstehungskontext des Konflikts

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die litauische Hauptstadt Vilnius von großer Bedeutung für viele Nationen – nicht nur für die Litauer. Sie war das politische Kapital der Weißrussen und Polen, die ihre Führungsmacht in der Region etablieren wollten. Für die jüdische Bevölkerung war sie vor allem von spirituellem Wert. Für Russland hingegen, war Vilnius eine antike russische Stadt, die von strategischem Wert war[1].

Während der russischen Revolution 1905 kam es zum ersten Mal zu Besitzansprüchen an die Stadt Vilnius aufgrund von Ethnie. Grundsätzlich können diese Ansprüche an drei „ethnischen“ Gruppen festgemacht werden. Zum einen, die Litauer, welche ein unabhängiges und autonomes Litauen fordern. Obwohl die litauisch-sprechende Bevölkerung deutlich in der Unterzahl lag und lediglich einen kleinen Prozentsatz der Bevölkerung in Vilnius ausmachte, pflegten litauische Aktivisten die Vision eines „ethnographischen“ Litauens. In diesem Sinne, waren die Einwohner von Vilnius und seinen Vororten ethnische Litauer, die jedoch andere Sprachen, wie Polnisch und Weißrussisch, sprachen[2]. Eine weitere Gruppe waren die Weißrussen. Diese beanspruchten Vilnius als Hauptstadt der weißrussischen Nation. Ihre politische Einflussnahme war jedoch begrenzt. Obwohl sie in der Region um Vilnius mehr als 50% der Bevölkerung ausmachten und somit zahlenmäßig überlegen waren, hatten sie wenig wirtschaftlichen und politischen Einfluss. Die hohe Anzahl an Analphabeten in der weißrussischen Bevölkerung und die negativen Auswirkungen der Industrialisierung machten sie zum Schlusslicht unter den Mächtigen.[3] Die dritte Gruppe waren die Polen, welche den größten Anteil an Grundbesitz in Vilnius und den umliegenden Regionen hatten. Sie stellten die politische, wirtschaftliche und kulturelle Elite in Litauen dar, weshalb viele ethnische Litauer und Weißrussen sich mehr oder minder freiwillig an die polnische Sprache und Kultur assimilierten[4].

Die Visionen für die Zukunft eines litauischen Staates waren also unterschiedlich. Gemeinsam mit den kritischen historischen Ereignissen der Zeit befeuerten sie den Polnisch-Litauischen Krieg in 1920. Denn neben unterschiedlichen Zukunftsvisionen und Interessen, beeinflussten auch das Ende des Ersten Weltkrieges und der Zerfall des russischen Imperiums die Geschehnisse vor Ort.

 

Kriegsverlauf

Je nach Sicht der Konfliktpartei wird der Beginn des Krieges unterschiedlich datiert. Festzuhalten ist, dass im Februar 1919 die Bolschewiken, die litauische und die polnische Armee in Vilnius aufeinandertrafen. Während die Beziehungen zwischen der litauischen und der polnischen Armee zunächst freundlich waren, verschlechterten sich diese im Laufe des Krieges. Das erste gewaltsame Aufeinandertreffen von litauischen und polnischen Kräften ereignete sich im April 1919. Als Grund für die zunehmend feindlichen Beziehungen zwischen Litauen und Polen wird die Neutralität Litauens im Polnisch-Sowjetischen Krieg gesehen[5].

Die Pariser Botschaftskonferenz, eine Vereinigung der Siegermächte des Ersten Weltkriegs, intervenierte schließlich in den Konflikt. Sie beschloss eine Demarkationslinie zwischen den Konfliktparteien, welche die Gebietsstreitigkeiten vorläufig bei Seite legen sollte. Doch diese Lösung konnte dem Konflikt keinen Einhalt gebieten, da weder Polen noch Litauer mit der Gebietsaufteilung zufrieden waren. Erst der erneute Versuch einer Aufteilung, geplant durch den französischen Militär Ferdinand Foch, brachte erste Erfolge. Doch obwohl zunächst eine territoriale Stabilisierung zu erkennen war, führten weitere Ereignisse zu einem erneuten Aufflammen des Konfliktes. So etwa der Aufstand im multiethnischen Sejny, oder die polnischen Putschversuche in Vilnius und Kaunas. Im Juli 1920 erkannte Russland die Unabhängigkeit und territoriale Integrität Litauens an und zog darauf sämtliche Gebietsansprüche zurück. Die polnisch-litauische Grenze war jedoch nicht geklärt. Ab September 1920 schaltete sich der Völkerbund ein, um zwischen Polen und Litauen zu vermitteln. Das Ergebnis der Verhandlungen war die Rückkehr zur Curzon-Linie von 1919, welche damals die polnischen Landesgrenzen festlegte. Doch bereits kurz darauf wurde diese Vereinbarung verletzt, als polnische Truppen die Suwałki-Region durchquerten, um am Niemen-Fluss stationierte sowjetische Truppen zu attackieren. Polen erhob erneut Ansprüche auf die Suwałki-Region und Vilnius.

Am 7. Oktober 1920 wurde die Suwałki-Vereinbarung unterzeichnet, die vom Völkerbund unter der Leitung Pierre Chardignys verhandelt wurde. Sie sah einen Waffenstillstand vor und eine Demakartionslinie, laut der Vilnius im litauischen Gebiet lag. Bereits am nächsten Morgen marschierten polnische Truppen in Vilnius ein mit der Begründung, das Selbstbestimmungsrecht der polnischen Bevölkerung in Vilnius zu verteidigen. Litauen hatte mit dem Angriff weder gerechnet, noch waren ausreichend Truppen in Vilnius stationiert um diesen abzuwenden. Żeligowski, der das Kommando über die polnischen Truppen innehatte, verwirklichte eine Dreiteilung Litauens, die das Gebiet nach Bevölkerungsgruppen aufteilen sollte: Für die polnische Bevölkerung die Republik Zentrallitauens mit der Hauptstadt, für die litauische Bevölkerung West-Litauen mit der Hauptstadt Kaunas und für die weißrussische Bevölkerung Ost-Litauen mit der Hauptstadt Minsk.

Am 11. Oktober 1920 wurde der Völkerbund von litauische Seite dazu aufgefordert, erneut zwischen Polen und Litauen zu vermitteln. Dieser veranlasste schließlich Referenden in den umstrittenen Gebieten. Zu diesen Referenden kam es jedoch niemals, da man sich nicht darauf einigen konnte, in welchen Gebieten diese stattfinden sollten. Der Völkerbund beschloss einen Waffenstillstand zwischen den Konfliktparteien und etablierte eine neue neutrale Zone, die dem Gefangenaustausch dienen sollte.

Der Status-Quo blieb erhalten und auch internationale Bemühungen eine Föderationslösung zwischen den zwei Staaten zu finden scheiterten. Demnach siegte Polen und behielt die erkämpften Gebiete. Im März 1923 wurde der Status-Quo als offizielle polnisch-litauische Grenze anerkannt. Litauen erkannte sie jedoch nicht an und brach alle diplomatischen Beziehungen zu Polen ab. De facto, hielt die Funkstille zwischen Polen und Litauen bis 1938 an. Erst ab 1939 gehörte Vilnius wieder zu Litauen, nachdem die Sowjetunion Ostpolen besetzte.

 

Heutige Situation

Obwohl es heute keinerlei Grenzstreitigkeiten an der polnisch-litauischen Grenze gibt, sorgt die Suwałki-Region dennoch für politischen und militärischen Brennstoff. Ein hundert Kilometer langer Grenzstreifen zwischen Polen und Litauen – die sogenannte Suwałki-Lücke – ist aus strategischer Sicht besonders interessant. Sie verbindet die baltischen Staaten mit ihrem nächstgelegenen NATO-Alliierten Polen über den Landweg und ist außerdem eine natürliche Grenze zwischen Russland und Kaliningrad. Sollte es zu einem Angriff in diesem Gebiet kommen, wären die baltischen Staaten von Polen isoliert und somit besonders anfällig für militärische Schläge von russischer Seite. Nach den kritischen Ereignissen auf der Krim und in der Ostukraine kam dem Gebiet wieder besondere Aufmerksamkeit zu. Militärische Übungen durch NATO-Truppen wurden im Grenzgebiet durchgeführt, zum einen als Abschreckung und klare Nachricht an Russland und zum anderen als Vorbereitung für den Ernstfall[6].

Das Gebiet ist also territorial nicht mehr umstritten, ist aber aufgrund seiner geographischen und strategischen Lage dennoch ein sensibler Fall. Als Korridor zwischen den baltischen Staaten und Polen ist es von militärischer und strategischer Relevanz. Von litauischer Seite gibt es hier die Forderung nach einer stärkeren NATO-Präsenz[7]. In diesem Kontext wird das Gebiet auch in Zukunft noch viel Anlass zu Diskussion geben.

 

Quellen:

[1] Snyder, T. (2003). The Reconstruction of Nations: Poland, Ukraine, Lithuania, Belarus, 1569-1999. New Haven: Yale University Press, S. 52.

[2] ebd.: 53

[3] Snyder, T. (2003). The Reconstruction of Nations: Poland, Ukraine, Lithuania, Belarus, 1569-1999. New Haven: Yale University Press, S. 54.

[4] ebd. 54ff

[5]Lossowski, P. (1966). Stosunki polsko-litewskie 1918-1920. Warschau: Książka i Wiedza, S. 57.

[6] https://www.reuters.com/article/us-nato-russia-suwalki-gap/nato-war-game-defends-baltic-weak-spot-for-first-time-idUSKBN1990L2, Zugriff: 02.05.2018

[7] http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/litauens-angst-vor-dem-russischen-herbstmanoever-15075580.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0, Zugriff: 02.05.2018

E. Zeis

Eva Zeis studierte Politikwissenschaft und Transkulturelle Kommunikation an der Universität Wien. Momentan studiert sie Internationale Beziehungen an der Tallinn University in Estland. Ihre Forschungsinteressen umfassen Demokratisierung, Friedens- und Konfliktforschung mit regionalem Schwerpunkt auf Ost- und Südosteuropa.

Related Articles

Leave a Reply

Close