Einleitung zum Punkrock: Brennbares Material


Lea Klipper


2024 wird Tartu europäische Kulturhauptstadt. Damit trägt nach Tallinn nun die zweite estnische Stadt diesen Titel.

Bunte Irokesen. Nieten an der Kleidung. Schwere Stiefel. So stellen sich einige vielleicht den „typischen Punker“ vor. Eventuell können noch einige bekannte Punkbands, wie die „Sex Pistols“ oder „The Ramones“, nennen. Englischsprachige oder auch deutsche Bands, wie „Die Toten Hosen“, sind sehr bekannt. Doch wie sieht die Punkszene in Osteuropa aus? Das soll in diesem Artikel anhand des Beispiels Polen erklärt werden. Zunächst wird die Entstehung des Punks in Großbritannien und in den USA erläutert, da er dort entstanden ist.

 

Entstehung des Punkrocks

Der Ursprung des Begriffes „Punk“ ist unbekannt. Erstmals erschien er im 16. Jahrhundert im englischsprachigen Raum und bedeutete „minderwertig, schlecht“ oder „Prostituierte“. Zudem wurde der Begriff „Punk“ für eine „minderwertige Person“ verwendet. In den 1920er Jahren findet der Begriff im Zirkusbereich Verwendung. Er beschreibt einen jungen, untrainierten Zirkuselefanten. Des Weiteren beschreibt Punk trockenes, verrottetes Holz und kann in der deutschen Übersetzung mit „faules Holz“, „Zunder“ oder „brennbares Material“ wiedergegeben werden.

Der Duden beschreibt Punk folgendermaßen: „Protestbewegung von Jugendlichen mit bewusst rüdem, exaltiertem Auftreten und bewusst auffallender Aufmachung (grelle Haarfarbe, zerrissene Kleidung, Metallketten o. Ä.)“[1]. Daraus lässt sich schließen, dass sich die Bedeutung des Wortes mehrfach geändert und erweitert hat. 1976 kam zu den bisherigen Bedeutungen ein weiteres Attribut hinzu, nämlich die Musikrichtung. Punkrock ist Musikrichtung, eine Spielart des Rocks. Punk hingegen ist eine Subkultur, der meist Jugendliche angehören. Sie sind häufig kritisch gegenüber dem politischen System eingestellt und drücken das in ihrer Musik aus.

Der Punkrock entstand zeitgleich sowohl in den USA als auch in Großbritannien. Amerikanische Bands haben eine frühe Form des Punkrock in den 1960er und 1970er Jahren gespielt. Diese Form nennt sich „Garagenrock“. Er hat diesen Namen, da er hauptsächlichen in Garagen gespielt wurde. Die damaligen Musiker hatten keine oder nur eine geringe musikalische Ausbildung. Im Garagenrock wurden die musikalischen Regeln, die es für die Rockmusik gab, nicht beachtet. Die Rockmusik zeichnete sich durch komplexe Stile aus, die von den Musikern abgelehnt wurden. Stattdessen erschufen sie eine vereinfachte Musik, die mit wenigen Instrumenten auskam. Der Garagenrock war schnell und laut und ein Gefühl für Musik zu haben, war wichtiger als musikalische Fähigkeiten. Die Musiker waren experimentierfreudig und so entstanden Neuheiten, die schließlich die Grundsteine des Punkrock waren. Es gab neue Formen des Gesangs. Es wurde weniger melodisch gesungen, sondern mehr gesprochen, geschrien oder gemurmelt. Diese Methoden dienten dazu, sich von Popsongs auszugrenzen und die Wichtigkeit der politischen Message zu unterstreichen. In den 1970er Jahren spielten die Songtexte eine immer wichtigere Rolle, in denen Ernüchterung über die Gesellschaft und Rebellion gegen sie zum Ausdruck kamen.

Die sozialen und politischen Hintergründe der 1970er Jahren spielten eine große Rolle für die Entstehung der Punkbewegung. In Großbritannien entstand der Punkrock 1976 und 1977, während er in den USA schon früher erschien.

In der Nachkriegszeit nach dem zweiten Weltkrieg wurde in Großbritannien eine Mischung aus einer freien und einer Marktwirtschaft eingeführt. Zudem gab es ein Sozialversicherungssystem, das dazu führte, dass der Lebensstandard sich verbesserte. Die Wirtschaft erlebte zunächst einen Boom, zumindest bis zu den 1960er und 1970er Jahren. In diesen Jahrzehnten verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation. Es kam zu einer Zahlungskrise, der Pfund verlor an Wert, Steuern stiegen an. Gleichzeitig gewann die rechte Partei „National Front“ größeren Zuspruch, da in dieser Zeit die Immigration anstieg. Vor allem Arbeiter sahen darin eine Bedrohung ihrer Arbeitsplätze und wählten die rechte Partei. So kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken. Der Punk, der eher linkspolitisch eingestellt ist, reagierte auf den steigenden Zulauf der Rechten. Zur gleichen Zeit entwickelte sich eine Skinhead-Punkszene. Skinheads sind eine Jugendbewegung. Da die Punkkultur einen immer größeren Zuspruch in der breiten Masse gewann, wollten sich einige Punker davon distanzieren und schlossen sich der Skinheadszene an. Mit der Zeit kamen auch Rechtsgesinnte in die Szene und so sind seitdem beide Lager vertreten.

Im Punkrock werden häufig aktuelle politische Themen behandelt. Im britischen Punkrock war es die politische Lage der 1970er Jahren. Ein bekanntes Beispiel ist die Band „Sex Pistols“. In dem Lied „God save the Queen“ (1977)[2] wird Monarchie mit dem faschistischen Regime gleichgesetzt. Aus diesem Grund war das Lied kontrovers, dennoch erreichte es Platz Eins in den Charts.

 

Sex Pistols

 

Punkrock hinter dem Eisernen Vorhang

In den 1980er Jahren herrschte der Kalte Krieg, in dem es zu einem politischen und militärischen Wettkampf zwischen der Sowjetunion und der USA kam. Beide Parteien rüsteten sich militärisch auf, und es bestand die Bedrohung eines nuklearen Krieges. Zudem gab es Stellvertreterkriege, wie zum Beispiel den Koreakrieg und den Vietnamkrieg. Unter diesen Umständen ist es nicht selbstverständlich, dass ein kultureller Austausch stattfinden konnte. Im nächsten Abschnitt soll erklärt werden, wie es der Punk dennoch während des Kalten Krieges von West- nach Osteuropa geschafft hat. Als Beispiel wird Polen aufgeführt, da es dort eine große Punkszene gibt.

 

Punkrock in Polen

Schon in den 1970er Jahren erreichte der Punkrock Polen. 1978 fand das erste Punkkonzert statt. Die britische Band „The Raincoats“ trat auf. Dieses Konzert war ein Erfolg und entfachte die Lust nach mehr Punkrock. Der Punkrock der 1980er Jahre in Polen war eine Rebellion gegen das kommunistische System. Trotz aller Repressionen und Schwierigkeiten, denen der Punkrock entgegentreten musste, konnte er sich durchsetzen. Da die Texte sich unter anderem gegen das Regime wendeten, hatten die Musiker mit Zensuren zu kämpfen. Zudem war es dem Punkrock nicht erlaubt am Musikmarkt teilzunehmen. Wie schaffte es der Punkrock unter diesen Umständen nach Polen? Polen war nicht vollständig abgekapselt von dem Westen. Es gab westliche Zeitschriften, in denen über Punk gelesen werden konnte. Diese waren auf Englisch geschrieben, das zu dieser Zeit nicht jeder verstand. In der Punk-Subkultur fand dennoch ein Austausch untereinander statt.

 

Die erste polnische Punkband war „Deadlock“. Sie gründete sich 1979 und löste sich 1983 wieder auf. Ihr einziges Album, „Ambition“, schrieb Deadlock 1981[3]. Im selben Jahr wurde es vom französischen Label „Blitzkrieg“ veröffentlicht. So wurde das Album in ganz Westeuropa verkauft. In Polen kam es erst 2003 zu einer offiziellen Veröffentlichung.

 

In den Texten des Punkrock wurden häufig existenzielle Probleme der Jugend behandelt. Dazu gehörten fehlenden Perspektiven. Diese Thematiken werden beispielsweise von der Band „Dezerter“ in dem Lied „Poroniona generacja“ (dt. halbfertige Generation)[4] behandelt, in dem es um die Hoffnungslosigkeit der Jugend geht. Zwar ist das Lied in dem Jahr 2011 entstanden, aber es behandelt dennoch die Situation der Jungend in den 1980er Jahren.

 

Dezerter, 1980er

 

Der Band „Dezerter“ wurde 1981 gegründet. Ursprünglich nannte sie sich SS-20, musste sich jedoch umbenennen. SS-20 war der Name sowjetischer ballistischer Raketen und das sah die Regierung als zu provokativ an, daher änderte die Band ihren Namen. Sie schrieben ihren Namen manchmal als „De-zerter“ und manchmal als „The Zerter“, um von der Regierung nicht so schnell erkannt zu werden. Ihr erstes Album „Underground out of Poland“ wurde 1987 von dem amerikanischen Verlag „Maximum Rock’n’Roll“ veröffentlicht. Das öffnete der Band neue Türen. Nach jahrelangem Kämpfen wurden ihnen Reisepässe erlaubt und die Musiker konnten ins Ausland reisen. Daher konnten sie seit Ende der 1980er Jahren sowohl in Ost- als auch in Westeuropa Konzerte geben.

Noch 1987 wurde ihr erstes Album in Polen veröffentlicht. Die Veröffentlichung verlief jedoch nicht ohne Probleme aufgrund der bestehenden Zensur. Der Titel „Kolaboracja“ (dt. Kollaboration) und das Cover sollten geändert werden. Zudem waren einige Textstellen von der Zensur betroffen. Doch die Band entschied sich dagegen, die entsprechenden Wörter zu ändern. Stattdessen ersetzten sie diese durch ein Piepton. Auf diese Weise bekam der Hörer die Zensur zu spüren.

 

Punkrock in Polen heute

In den 1990er Jahren änderte sich das politische System in Polen und die Lage der Musiker entspannte sich. 1991 wurde die Sowjetunion aufgelöst und zerfiel in einzelne souveräne Staaten. Somit fiel der „Eiserne Vorhang“. Das, was vorher unmöglich schien, konnte nun realisiert werden. Dezerter beispielsweise hatte die Möglichkeit, regulär Konzerte zu geben und regulär Alben zu veröffentlichen. Das kommunistische Regime gab es nun nicht mehr. Stattdessen entwickelte sich ein demokratisches System. Dezerter veröffentlichte eine neue Version ihres Liedes „Ku przyszłości“ (dt. in die Zukunft)[5]. 1983 handelte es von der sozialistischen Propaganda. In der Version von 1993 geht es stattdessen um den Kapitalismus, denn sie sprechen sich auch kritisch gegenüber dem Kapitalismus aus. Der Texte beider Versionen sind nahezu identisch. Der einzige Unterschied besteht darin, dass in der Version von 1983 der „Kamerad“ und in der anderen der „Kapitalist“ angesprochen wird.

Dezerter ist heute immer noch aktiv. 2021 veröffentlichten sie ihr letztes Album mit dem Titel „Kłamstwo to nowa prawda“ (dt. Lüge ist die neue Wahrheit)[6]. In dem Album werden aktuelle Probleme angesprochen, wie zum Beispiel Isolation während der Pandemie, Pädophilie in der Kirche oder auch Fremdenfeindlichkeit. Die Band und ihre Musik werden von der Gesellschaft gut aufgenommen. Ihr neustes Album war ein Erfolg und wurde in den Medien erwähnt.

 

Dezerter, 2021

 

Polnische Punkbands hatten es in den 1980er Jahren im sozialistischen System schwer. Aufgrund der Zensur konnten sie ihre Lieder nicht immer nach ihren Vorstellungen schreiben. Mitunter war es überhaupt nicht möglich, in Polen ihre Musik zu veröffentlichen. Dennoch gründeten sich in dieser Zeit einige Punkbands, die sich trotz allem durchsetzen konnten. Viele der Bands bestehen heute auch, darunter auch Dezerter. Sie ist heute eine der erfolgreichsten Bands, die es sogar auf den internationalen Markt geschafft hat.

Musik kann verschiedene Menschen miteinander verbinden. Der Punkrock schaffte dies auch in der Zeit des Eisernen Vorhangs. Britische Punkbands traten in Polen auf und begeisterten die Menschen. Polnische Bands wiederum geben seit dem Ende des Katen Krieges Konzerte in Westeuropa. Politisch gesehen waren die Westmächte und die Ostmächte verfeindet, aber die Menschen kamen sich durch die Musik dennoch näher.

 

Liste polnischer Punkbands

Abaddon (1982-1987, 2001-heute)

Alians (1990-heute)

Anti Dread (2003-heute)

Apatia (1989-2011)

Armia (1985-heute)

Brygada Kryzys ([dt. Brigade Krise] 1981-heute)

Deadlock ([dt. Blockierung]1981-1983)

Dezerter (1981-heute)

Farben Lehre (1986-heute)

KSU (1977-heute)

Moskwa (1983-heute)

Post Regiment (1986-2000)

Siekiera ([dt. Axt] 1983-1988)

Śmierć Kliniczna ([dt. klinischer Tod] 1981-1984)

The Analogs (1995-heute)

The Hunkies (2003-heute)

Tilt (1979-heute)

TZN Xenna (1981-1987, 2011-heute)

Włochaty ([dt. haarig] 1987-heute)

 

Quellen

Borthwick, Stuart; Moy Ron (2004). Popular Music Genres. An introduction. Edinburgh University Press

Dezerter Homepage: http://www.dezerter.com [22.10.2022]

Duden (Online-Version): Punk: https://www.duden.de/rechtschreibung/Punk#bedeutungen [21.10.2022]

Farin, Klaus (2010). Jugendkulturen in Deutschland. Ska & Oi. Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/jugendkulturen-in-deutschland/36225/ska-oi/ [22.10.2022]

Glossar: Rechtsextremismus: Skinhead. Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500814/skinhead/ [22.10.2022]

Grindrich, Piotr Alfred (2022): Punk in Poland of the 80s https://gindrich.tripod.com/Polandpunk.html [22.10.2022]

Last Fm: Dezerter: https://www.last.fm/de/music/Dezerter [22.10.2022]

Lau, Thomas (1992): Die heiligen Narren: Punk 1976-1986. De Gruyter, Berlin

Zanko, Piotr (2015): “Fallen fallen is Babylon”. Polish punk rock scene in the 1980s in Guerra, Paula; Moreira, Tania: Keep it simple, make it fast! An approach to underground music scenes Volume 1. University of Porto. Faculty of Arts and Humanities

 

Bildquellen

Sex pistols: https://www.discogs.com/de/artist/31753-Sex-Pistols [21.10.2022]

Dezerter 1980er: https://www.last.fm/de/music/Dezerter/+images/07c3193c0bd4433a9105063aee7d5e22 [21.10.2022]

Dezerter 2021: https://www.last.fm/de/music/Dezerter/+images/d5387b3fbd70964661605868c5a060d6 [21.10.2022]

[1] Duden (Online-Version):  https://www.duden.de/rechtschreibung/Punk#bedeutungen [21.10.2022]

[2] Sex Pistols – God save the Queen https://www.youtube.com/watch?v=yqrAPOZxgzU [22.10.2022]

[3] Deadlock – Ambition https://www.youtube.com/watch?v=s6Dj8VAGbLg&t=5s [22.10.2022]

[4] Dezerter – Poroniona generacia https://www.youtube.com/watch?v=I_2aOWvmWsI [22.10.2022]

[5] Dezerter – Ku przyszłości (1983) https://www.youtube.com/watch?v=Sz7Jb85wuCk [22.10.2022]

[6] Dezerter – Kłamstwo to nowa prawda https://www.youtube.com/watch?v=N-1e7w90kV0&list=PLiy1z_z57pseJZgrBZEjhB7JdCJ8Buvko [22.10.2022]

Von |2022-11-01T18:31:48+01:001. November 2022|Kategorien: Feuilleton, Punkrock|Tags: , |Kommentare deaktiviert für Einleitung zum Punkrock: Brennbares Material

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