Als finno-ugrische Sprache ist das Ungarische in Mittelosteuropa, umgeben von Sprachen anderer Sprachefamilien, isoliert. Finnisch und Estnisch sind die nächsten verwandten Sprachen. Dieser Umstand lässt sich durch die Art und Weise der Einwanderung der Ungarn und der Tatsache, dass sie nie assimiliert wurden, erklären. Dieser Text beschäftigt sich im Folgenden mit der Einwanderung der Ungarn und deren erster Herrschaftsbildung am Ende des Frühmittelalters.

Im Vergleich mit anderen Reitervölkern (Hunnen, Awaren; 5. bzw. 6. Jhdt.) oder den sesshaft siedelnden Slawen (6. Jhdt.) kamen die Ungarn recht spät nach Mittelosteuropa. Erst ab Mitte des 9. Jahrhunderts stieß der nomadisch lebende Völkerverbund der Magyaren, so ihre Selbstbezeichnung, ins Karpatenbecken und die historische Landschaft Pannonien vor. [1]

Woher die Ungarn genau kamen, lässt sich anhand der dürftigen Quellenlage nur bedingt feststellen. Mit ziemlicher Sicherheit lässt sich nur sagen, dass sie im 9. Jahrhundert in den Ebenen zwischen der Donaumündung und dem Dnjepr lebten. Eine stetige Wanderbewegung aus der Steppenzone nördlich des Schwarzen Meeres oder vom Ural Richtung Westen scheint möglich, kann aber nur hypothetisch angenommen werden. [2]

In den 860er Jahren sind ungarische Reiterverbände durch Feld- und Raubzüge ins Karpatenbecken erstmals schriftlich belegt. Ab diesem Zeitpunkt gelang es den Ungarn nach und nach Teile des östlichen Karpatenbeckens unter ihre Kontrolle zu bringen. Um 895 wurde dieses bis zur Donau endgültig erobert. Dort bereits ansässige Slawen und kleinere nomadische Gruppen kamen ebenfalls unter ungarische Herrschaft. Auch die weitere Besitznahme Pannoniens erfolgte in Abschnitten. Nach mehreren Konflikten mit den Franken, an deren Reich sie gestoßen waren, war auch diese 907 zu einem erfolgreichen Ende gekommen und somit die Eroberung des gesamten Karpatenbeckens abgeschlossen. [3]

Mit der dauerhaften Ansiedelung der Ungarn ging nicht sofort ihre Sesshaftwerdung einher. In der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts unternahmen sie auch weiterhin Feldzüge nach West- und Südosteuropa in die Gebiete des fränkischen und des byzantinischen Reiches. Eine wichtige Zäsur bildete die Niederlage der Ungarn gegen ein fränkisch-deutsches Heer bei der Schlacht auf dem Lechfeld 955. Danach hörten nicht nur die Feldzüge auf, sondern es setzte auch eine innere Veränderung ein. [4]

Auch wenn wir relativ wenig über die inneren Verhältnisse im Karpatenbecken dieser Zeit wissen, lassen sich einige Schlüsse ziehen. Durch die Niederlage auf dem Lechfeld wurden nicht nur die militärischen Ressourcen geschwächt, womit eine weitere Expansion gestoppt wurde, sondern auch politische Strukturen verändert. Einige der Stämme, in denen die Ungarn organisiert waren, waren stark geschwächt worden. Dadurch konnte der von Árpád geführte Stamm die Oberhoheit erlangen und unter ihm als ersten Herrscher Ungarns, eine zentrale Herrschaft errichten. Mit diesen Entwicklungen wurde die Sesshaftwerdung der Ungarn und der Aufbau des späteren mittelalterlichen königlichen Ungarns eingeleitet. [5]

 

Referenzen:

[1] Attila Zsoldos, Das Königreich der Ungarn in der Arpadenzeit, in: Fritz Mitthof/Peter Schreiner/Oliver Jens Schmitt (Hg.), Handbuch zur Geschichte Südosteuropas. Band 1: Herrschaft und Politik in Südosteuropa von der römischen Antike bis 1300. Berlin/Boston 2019, S. 732

[2] Ungarn, in: Lexikon des Mittelalters, 10 vols. Stuttgart [1977]-1999, vol. 8, col. 1224, in: Brepolis Medieval Encyclopaedias – Lexikon des Mittelalters Online

[3] Attila Zsoldos, Das Königreich der Ungarn in der Arpadenzeit, in: Fritz Mitthof/Peter Schreiner/Oliver Jens Schmitt (Hg.), Handbuch zur Geschichte Südosteuropas. Band 1: Herrschaft und Politik in Südosteuropa von der römischen Antike bis 1300. Berlin/Boston 2019, S. 732

[4] Ebd., S. 733 f.

[5] Ebd., S. 733–735