Genta Gashi


 

Am 17. Februar 2026 jährte sich die Unabhängigkeit des Kosovo zum 18. Mal. Das Land blickt auf 18 Jahre politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen zurück und steht zugleich vor der Frage, wie es trotz der innenpolitischen Blockaden weiterhin dringende Fortschritte erzielen und die internationale Integration weiter vorantreiben kann.

Seit der Unabhängigkeitserklärung vom 17. Februar 2008 gilt Kosovo als ein souveräner Staat und wird von 117 Staaten anerkannt. Hiermit zeigt sich eine der ersten Herausforderungen für die junge europäische Republik: Die UN-Vetomächte Russland und China und weitere fünf EU-Mitglieder[1] sowie der Nachbarstaat Serbien erkennen den Kosovo nicht an, was Integrationsfortschritte in die Europäische Union erschwert und eine Vollmitgliedschaft in den Vereinten Nationen verhindert. Die Resolution 1244[2] des UN-Sicherheitsrats aus dem Jahr 1999 bildet dabei den zentralen internationalen Referenzrahmen für den völkerrechtlichen Status des Kosovo. Nichtsdestotrotz ist der Kosovo seit 2022 offizieller potenzieller EU-Beitrittskandidat, und unter Vermittlung der EU führen der Kosovo und Serbien einen politischen Dialog zur Normalisierung ihrer Beziehungen[3].

Kosovos Wirtschaft

Obwohl sich das Wirtschaftswachstum im Jahr 2025 verlangsamt hat, zeigt sich die wirtschaftliche Lage im Kosovo angesichts verschärfter Unsicherheiten als widerstandsfähig. Mit einem nominalen Bruttoinlandspodukt von rund 11,3 Milliarden[4] US-Dollar im Jahr 2025 und einem erwarteten Wachstum von 3,4 Prozent[5] für 2026 entwickelt sich die Wirtschaft im Vergleich zu den 2010er-Jahren und dem Einbruch durch die Covid-19-Pandemie grundsätzlich positiv. Dennoch bleibt die Lage auf dem Arbeitsmarkt angespannt. Auch wenn die deutlich gesunkene Arbeitslosenquote von zuletzt 10,9 Prozent[6] als großer politischer Erfolg der Regierung von Premierminister Albin Kurti betrachtet werden kann, bestehen weiterhin strukturelle Herausforderungen, die insbesondere junge Menschen betreffen.

Im Jahr 2024 lag die Jugendarbeitslosigkeit bei den 15- bis 24-Jährigen bei 19,4 Prozent. Besonders betroffen sind junge Frauen: Während die Jugendarbeitslosigkeit bei Männern 16,7 Prozent betrug, lag sie bei Frauen bei 24,7 Prozent[7]. Auch insgesamt sind Frauen überdurchschnittlich stark von Erwerbslosigkeit betroffen, obwohl sie mit rund 70 Prozent die Mehrheit der Hochschulabsolventinnen darstellen. Damit weist der Kosovo die niedrigste Erwerbsquote von Frauen in Europa auf[8].

Die begrenzten Beschäftigungsperspektiven tragen seit Jahren dazu bei, dass der sogenannte Brain Drain eine der größten Herausforderungen für die Zukunft des Landes geworden ist[9]. Darunter versteht sich die anhaltende Abwanderung qualifizierter Fachkräfte, die aufgrund niedriger Einkommen, begrenzter Karriereperspektiven sowie politischer Unsicherheiten ihre Zukunft zunehmend außerhalb des Kosovos suchen. Verstärkt wird diese Entwicklung besonders durch die Wahrnehmung von Korruption und politischer Instabilität[10].

Die Bekämpfung von Armut und Arbeitslosigkeit bleibt eine der größten sozialen Herausforderungen Kosovos. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung leben in Armut und 5 Prozent in extremer Armut. Kinder sind mit 25 Prozent überdurchschnittlich stark betroffen[11]. Besonders von extremer Armut betroffen sind Roma, Kinder, ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen sowie von Frauen geführte Haushalte[12].

Innenpolitische Lage

Innenpolitisch wurde der Kosovo nach der Unabhängigkeit in unterschiedlichen Phasen von den Nachkriegsparteien LDK, PDK und AAK geprägt. Während die LDK zunächst eine zentrale politische Kraft blieb, gingen führende Politiker der später einflussreichen Parteien PDK und AAK überwiegend aus der ehemaligen Befreiungsorganisation UÇK[13] hervor. Die Jahre darauf waren geprägt von fragilen Koalitionen und Regierungskrisen, während Korruptionsvorwürfe und wirtschaftliche Probleme zunehmend das Vertrauen in die politischen Eliten schwächten. Dies führte unter anderem zum politischen Aufstieg der links ausgerichteten Bewegung Lëvizja Vetëvendosje (LVV) unter Albin Kurti.

Mit dem Wahlsieg 2021 versprach die Kurti-Regierung einen stärkeren Fokus auf soziale Gerechtigkeit, Korruptionsbekämpfung und wirtschaftliche Reformen[14]. Vor dem Hintergrund hoher Armutsquoten und anhaltender sozialer Ungleichheiten hat die Regierung in den vergangenen Jahren sozialpolitische Maßnahmen zunehmend in den Fokus gerückt. Der Haushaltsentwurf für 2026 sieht unter anderem Erhöhungen bei Renten, Sozialleistungen und Kindergeld sowie strukturelle Anpassungen in der Finanzpolitik vor[15].

Doch auch unter der Kurti-Regierung und der Präsidentschaft von Vjosa Osmani verlief die innenpolitische Entwicklung nicht reibungslos. Nach einer monatelangen politischen Blockade fanden im Dezember 2025 vorgezogene Parlamentswahlen statt. Im Februar 2026 wurde schließlich eine neue Regierungskoaltion unter Kurti gebildet, der bis dahin als geschäftsführender Ministerpräsident im Amt war. Die politische Lage bleibt jedoch fragil: Für den 7. Juni 2026 steht erneut eine vorzeitige Parlamentswahl an[16], da das Parlament im Frühjahr daran gescheitert war, mit der erforderlichen Zwei-Drittel-Mehrheit ein neues Staatsoberhaupt zu wählen[17].

Gesellschaftlicher Wandel

In der kosovarischen Gesellschaft sind zunehmend Fortschritte bei der Gleichberechtigung sowie der Stellung von Frauen erkennbar. Zugleich steigt der Anteil von Frauen in Führungspositionen und Entscheidungsgremien.

Um die Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt herzustellen, braucht es jedoch noch immer umfassende Reformen, die sowohl rechtlich umgesetzt als auch gesamtgesellschaftlich praktiziert werden müssen. Die Gesellschaft ist nach wie vor stark patriarchalisch geprägt[18]. Es wird geschätzt, dass über 70 Prozent der Frauen im Kosovo Hauptverantwortung für die unentgeltliche Pflege- und Hausarbeit[19] im eigenen Zuhause tragen[20]. Dies stellt eine strukturelle Barriere dar, die ebenso wie fehlende Kinderbetreuungsangebote Frauen den Einstieg in den Arbeitsmarkt verwehrt. Regionale Unterschiede beeinflussen den Zugang zu formeller Beschäftigung zusätzlich. Die Erwerbsbeteiligungsquote von Frauen liegt in Prishtina bei 37 Prozent, während sie in Prizren mit 11 Prozent und Gjakova mit 8 Prozent am niedrigsten ist[21].

Des Weiteren hindern Traditionen und kulturelle Vorstellungen Frauen noch immer daran, ihren Anspruch auf Eigentum und Erbe einzufordern, obwohl die bestehende Rechtsgrundlage diesen Anspruch für alle gleichermaßen sichert. Trotz des Anstiegs des Eigentumsbesitzes von Frauen befinden sich Immobilien überwiegend im Besitz von Männern. Im Jahr 2024 waren von insgesamt 612.482 registrierten Immobilien nur 19,8 Prozent[22] auf Frauen eingetragen, wobei dieser Prozentsatz auch gemeinschaftlich besessenes Eigentum umfasst. Fehlender Eigentumsbesitz von Frauen kann zu finanzieller Abhängigkeit und struktureller Benachteiligung führen. Dies kann dazu führen, dass Frauen aufgrund finanzieller Abhängigkeit trotz schwieriger Lebensumstände oder häuslicher Gewalt in belastenden Situationen verbleiben müssen.

Ausblick

Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine haben die sicherheitspolitischen Interessen der Europäischen Union auf dem Westbalkan in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Anhaltende innenpolitische Blockaden erschweren dabei die Regierungsfähigkeit Kosovos in sicherheitspolitisch herausfordernden Zeiten und könnten langfristig auch die Annäherung an die Europäische Union belasten. Die zeitweise Aussetzung von EU-Finanzmitteln aufgrund der Spannungen im Norden Kosovos verdeutlichte zudem die stets gegebene Abhängigkeit des Landes gegenüber internationalen Akteuren. Um die politische Stabilität und die europäische Perspektive des Landes zu sichern, braucht es in Zukunft mehr politische Geschlossenheit über Parteigrenzen hinweg sowie die Bereitschaft, gemeinsame Lösungen im Interesse des Landes zu finden. Die Parlamentswahlen im Juni werden zeigen, ob es nach so langem politischen Stillstand gelingt, innenpolitische Stabilität zu gewährleisten, dringende sozialpolitische Reformen für die Bevölkerung durchzusetzen, und die Annäherung an den wichtigsten außenpolitischen Partner, die Europäische Union, weiter voranzubringen.

 

Referenzen:

[1] EU-Mitglieder die Kosovo nicht anerkennen: Slowakei, Rumänien, Zypern, Spanien und Griechenland

[2] S/RES/1244 (1999)

[3] https://www.bmz.de/de/laender/kosovo

[4] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/415738/umfrage/bruttoinlandsprodukt-bip-des-kosovo/

[5] https://wiiw.ac.at/kosovo-overview-ce-23.html

[6] https://www.wko.at/oe/aussenwirtschaft/kosovo-wirtschaftsbericht.pdf

[7] https://askdata.rks-gov.net/pxweb/en/ASKdata/ASKdata__Labour%20market__Anketa%20e%20Fuqis%C3%AB%20Pun%C3%ABtore__Annual%20labour%20market/tab19.px/

[8]https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Behoerde/Informationszentrum/Laenderkurzinformationen/2025/laenderkurzinfo-kosovo-10-25-frauen.pdf?__blob=publicationFile&v=2

[9] https://www.berlin-institut.org/newsletter/detail/wanderungsregion-westbalkan

[10]Nimani, Mentor & Nimani, Arbenita. (2024). Brain Drain in Kosovo: Policy Recommendations for Talent Retention and Sustainable Development. SEEU Review. 19. 65-79. 10.2478/seeur-2024-0023.

[11] https://www.sos-kinderdorf.at/so-hilft-sos/wo-wir-helfen/europa/kosovo

[12] https://www.bmz.de/de/laender/kosovo/soziale-situation-16242

[13] (albanisch: Ushtria Çlirimtare e Kosovës, zu Deutsch: Befreiungsarmee des Kosovo)

[14] https://politpro.eu/de/kosovo/wahl/2021-02-14/parlamentswahl

[15] Record, Richard James Lowden; Sidarenka, Maryna; Montfaucon, Angella Faith; Madzarevic-Sujster, Sanja.

Western Balkans Regular Economic Report : Adjusting to Shocks, Mobilizing Untapped Potential (English). Western Balkans Regular Economic Report Washington, D.C. : World Bank Group. http://documents.worldbank.org/curated/en/099042826083529135

[16] https://www.dw.com/de/kosovo-vorgezogene-parlamentswahl-albin-kurti-vjosa-osmani-eu/a-76995432

[17] https://www.dw.com/de/kosovo-regierung-wahl-kurti-parlament-serbien-albaner-serbische-minderheit-staatspraesident-maerz/a-75930792

[18]https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Behoerde/Informationszentrum/Laenderkurzinformationen/2025/laenderkurzinfo-kosovo-10-25-frauen.pdf?__blob=publicationFile&v=2

[19] https://gemeinsam-gegen-sexismus.de/glossar-posts/care-arbeit/ Definition: „Care-Arbeit“: „Bezeichnet Tätigkeiten der Fürsorge, des Pflegens und des Sich-um-andere-Kümmerns (auch Sorgearbeit oder Pflegearbeit). Dazu zählen (meist unbezahlte) Tätigkeiten wie die Hausarbeit, Erziehung und Betreuung von Kindern, Alten- oder Häusliche Pflege und freundschaftliche Hilfen.“

[20] https://www.undp.org/kosovo/news/womens-double-burden

[21] https://www.undp.org/kosovo/news/womens-double-burden

[22] https://www.eeas.europa.eu/sites/default/files/documents/2024/UNWOMEN_GEF_ENG.pdf