Genta Gashi
Die Europäische Union (EU) ist ein wichtiger politischer und wirtschaftlicher Partner der Westbalkanstaaten. Besonders Serbien profitiert von den Handelsbeziehungen und liegt mit einem nominalen BIP von 82 Milliarden Euro auf Platz eins der größten Volkswirtschaften der sogenannten WB6-Staaten. Vor dem Hintergrund des EU Critical Raw Materials Act und der europäischen Energiewende hat Serbiens Lithiumvorkommen im westserbischen Jadar-Tal einen neuen Stellenwert in den Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und Serbien eingenommen.
So verabschiedeten die Europäische Kommission und die serbische Regierung im Rahmen des „Neuen Wachstumsplans für den Westbalkan“ im Juli 2024 eine Absichtserklärung zu einer strategischen Partnerschaft im Rohstoffsektor, die – auch wenn sie rechtlich nicht bindend ist – als Ausdruck enger politischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit dient. Aus Sicht der Europäischen Union könnte Serbien damit langfristig zu einem strategisch wichtigen Partner werden, um bestehende Rohstoffabhängigkeiten, insbesondere von China, zu verringern und resilientere Lieferketten aufzubauen. Besonders die gute logistische Anbindung und wettbewerbsfähige Löhne machen Serbien zu einem attraktiven Investitionsstandort auf dem Westbalkan. Dabei spielt Serbien sowohl als Industriestandort innerhalb europäischer Lieferketten als auch als potenzieller Lieferant des kritischen Rohstoffs Lithium eine wesentliche Rolle für die europäische und insbesondere die deutsche Automobilindustrie. Lithium wird für die Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien benötigt, die in Elektrofahrzeugen sowie in Energiespeichern für Solar- und Windenergie zum Einsatz kommen. Dadurch ist der Rohstoff für den Ausbau nachhaltiger Technologien sowie für die Umsetzung der europäischen Energiewende zentral.
Politisch gilt Serbiens Regierung unter dem aktuellen Präsidenten Aleksandar Vučić und der Dominanz der Serbischen Fortschrittspartei (SNS) als umstritten. Seit dem Unglück in Novi Sad im Jahr 2024, bei dem 15 Menschen infolge des Einsturzes eines Bahnhofvordaches ums Leben kamen, hat das Misstrauen gegenüber der Regierung in weiten Teilen der Bevölkerung zugenommen. Als Reaktion folgten massive Demonstrationen, die zu einer langanhaltenden Protestwelle führten. Bereits bestehende Proteste gegen das sogenannte Jadar-Tal-Projekt, das eng mit den geopolitischen Interessen Serbiens und der Europäischen Union zusammenhängt, trugen zudem dazu bei, das gesellschaftliche Misstrauen gegenüber dem serbischen Regierungshandeln zusätzlich zu verstärken.
So entwickelte sich das Lithiumabbauprojekt, das vom britisch-australischen Bergbaukonzern Rio Tinto beziehungsweise dessen Tochtergesellschaft Rio Sava vorangetrieben wird, bereits vor dem Unglück in Novi Sad zu einem Symbol wachsender Kritik am politischen Umgang der serbischen Regierung mit staatlichen Großprojekten. Im Mittelpunkt der Kritik am Lithiumabbau stehen insbesondere die mangelnde Transparenz hinsichtlich negativer Umweltauswirkungen, die drohende Umsiedlung der lokalen Bevölkerung und die geplante Ausweitung der Abbaugebiete. Das Unglück in Novi Sad wurde daher von vielen weniger als Auslöser eines neuen Konflikts wahrgenommen, sondern vielmehr als Wendepunkt, an dem bereits bestehende Zweifel an Transparenz, Korruption und der Rechtmäßigkeit politischer Entscheidungsprozesse im Umgang mit Großprojekten sichtbar wurden.
Des Weiteren ist die Umsetzung von Großprojekten in Serbien maßgeblich von geopolitischen Interessen geprägt. Dadurch gerät die außenpolitische Ausrichtung Serbiens immer stärker in den Fokus, da Länder wie China und Russland ebenfalls versuchen, ihren Einfluss in der Region auszubauen.
Auch wenn das Jadar-Projekt im November 2025 vorerst stillgelegt wurde, da Rio Tinto zunächst andere Projekte priorisieren möchte sowie eine „Wartungs- und Instandhaltungsphase“ des Projekts eingeleitet hat, die eine umfassende Bewertung der Projektkosten und -ressourcen beinhaltet, bleibt der zukünftige Prozess politisch noch immer von großer Bedeutung. Diese Entscheidung darf jedoch nicht losgelöst von den anhaltenden Protesten sowie den rechtlichen und politischen Unsicherheiten rund um das Projekt betrachtet werden. Die Überwachung von Umweltaktivist*innen und Journalist*innen sowie eine von der Nationalversammlung als verloren gemeldete Petition der Zivilbevölkerung mit über 30.000 Unterschriften, die eine Beendigung des Projekts forderten sowie der Stopp des Projekts kurz vor den Parlamentswahlen 2022 und die darauffolgende Wiederaufnahme mit Unterstützung der EU verdeutlichen, dass die Unterbrechung des Projekts nicht nur als wirtschaftliche Unternehmensentscheidung verstanden werden kann. Gleichzeitig wirft das Projekt Fragen hinsichtlich der zukünftigen Ausgestaltung der EU-Serbien-Beziehungen auf und verdeutlicht anhand der großen Protestwelle zugleich die gesellschaftliche Spaltung im Hinblick auf Serbiens Regierung. Im Grunde ergibt sich beim Jadar-Tal-Projekt ein breites Spannungsfeld zwischen lokalem Widerstand, europäischen Rohstoffinteressen, geopolitischen Interessen sowie Fragen nach der Rechtsstaatlichkeit in Serbien. Neuere Debatten über die Unabhängigkeit der Justiz sowie den politischen Umgang mit Protesten verstärken die politische Brisanz des Jadar-Tal-Projekts zusätzlich. Entscheidend dürfte sein, inwiefern es Serbien als EU-Beitrittskandidat gelingt, wirtschafts- und geopolitische Interessen mit den Anforderungen an Transparenz und Rechtsstaatlichkeit in Einklang zu bringen. Dabei muss die bekundete Unterstützung der EU insbesondere Umweltfragen und Menschenrechte berücksichtigen und im Falle weiteren rechtswidrigen serbischen Regierungshandelns die strategische Partnerschaft offiziell beenden.
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Empfehlung: Re: Europas Lithiumhunger, wer zahlt den Preis? (ARTE, 2026). Online: https://www.arte.tv/de/videos/127402-006-A/re-europas-lithiumhunger-wer-zahlt-den-preis/
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Quellen:
- Müller, Matthias/Strack, Laura/Vulović, Milica (2025): Die EU-Rohstoffpolitik: Testfall Serbien – Rechtsstaatlichkeit und Nachhaltigkeit als Maßstab für Europas Rohstoffkooperation. SWP-Aktuell 8/2025, Berlin: Stiftung Wissenschaft und Politik (zuletzt geprüft am: 12.05.2026).
- https://www.destatis.de/Europa/DE/Staat/Beitrittskandidaten/Serbien.html (zuletzt geprüft am: 12.05.2026).
- https://www.gtai.de/blueprint/servlet/gtai-de/trade/serbien- wirtschaft/wirtschaftsstandort (zuletzt geprüft am: 12.05.2026).
- https://www.bmz.de/de/laender/serbien/wirtschaftliche-situation-16322 (zuletzt geprüft am: 12.05.2026).
- Töglhofer, Theresia (2025): Massenproteste für mehr Rechtsstaatlichkeit. Online: https://in-ternationalepolitik.de/de/massenproteste-fuer-mehr-rechtstaatlichkeit (zuletzt geprüft am: 12.05.2026).
- Dinev, Ivaylo (2025): Studierendenproteste in Serbien: Vučićs Macht in Gefahr? On-line: https://www.zois-berlin.de/publikationen/zois-spotlight/studierendenproteste-in-serbien vucics-macht-in-gefahr (zuletzt geprüft am 12.05.2026).
- Europäische Kommission (2023): Europäische Verordnung zu kritischen Rohstoffen (Criti-cal Raw Materials Act). Online: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/api/files/attachment/874771/Factsheet_GD_European%20Critical%20Raw%20Materials%20Act_DE.pdf (zuletzt geprüft am: 12.05.2026).
- European Commission (2024): Memorandum of Understanding. Online: https://single mar-ket-economy.ec.europa.eu (zuletzt geprüft am: 12.05.2026).
- Rio Tinto (o. D.): Jadar. Online: https://www.riotinto.com/en/operations/europe-me/jadar (zuletzt geprüft am: 12.05.2026).
- Heinrich-Böll-Stiftung (2026): Serbien: Justiz pendelt zwischen europäischem Anspruch und autokratischer Realität, 04.03.2026. Online verfügbar unter: https://www.boell.de/de/2026/03/04/serbien-justiz-pendelt-zwischen-europaeischem-anspruch-und-autokratischer-realitaet (zuletzt geprüft am: 12.05.2026).
- Amnesty International (2024): Serbien: Behörden setzen Spyware gegen Journalistinnen und Aktivistinnen ein. Online: https://www.amnesty.ch/de/laender/serbien/behoerden-setzen spyware-gegen-journalist-innen-und-aktivist-innen-ein (zuletzt geprüft am 20.04.2026).
- Stojanović, Marija (2025): Rio Tinto for EWB: Our company’s priority now is to retain legal rights over the Jadar Project. Online: https://europeanwesternbalkans.com/2025/11/13/rio-tinto-for-ewb-our-companys-priority-now-is-to-retain-legal-rights-over-the-jadar-project/ (zuletzt geprüft am 19.05.2026).