Kusturica, ein verklärtes Bild?

Kusturica, ein verklärtes Bild?

Kusturica, ein verklärtes Bild?

»Von allen Künsten, ist die Filmkunst die Wichtigste für uns.«

Lenin

Kein anderer prägt das postjugoslawische Kino wie Emir Kusturica. In seinen Werken werden der titoische Sozialismus und die daraus resultierenden Zustände kritisch hinterfragt, aber auch andere gesellschaftliche Themen, wie Multikulturalität und Multiethnizität mit all ihren assoziierten Problemen, dienen dem Filmemacher als Stoff für seine Filme. Kusturica erzählt konkret von den Schrecken des Krieges, gleichzeitig überhöht er aber seine Geschichten und Geschichte in mythische Ebenen. Er bedient sich der Methoden der Satire und der Politgroteske, und wandelt dabei auf einem schmalen Grat zwischen An- und Aberkennung.

In Sarajevo geboren, in einer Familie aufgewachsen, in der der Islam kulturell präsent war, aber nicht praktiziert wurde, wird er vor allem von Seiten der bosnischen Muslime kontrovers wahrgenommen. Während der Kriege arrangierte er sich mit den Serben, um einen Film zu Ende zu bringen. Und mit seiner Taufe zur serbischen Orthodoxie habe sich seine Wandlung zu einem zertifizierten, proserbischeren Nationalisten gänzlich vollzogen.

In Višegrad baue er mit dem Küstendorf Andrićgrad sich, und nicht dem verehrten Schriftsteller, ein Monument. In Belgrad küsst er eine Statue von Gavrilo Princip, dem Sinnbild eines Kämpfers für den serbischen Wunsch nach einem gemeinsamen Staat – unverkennbar sei die Ähnlichkeit zwischen den beiden.

Vieles wird geschrieben und gesagt über die kontroverse Debatte rund um seine nationale Gesinnung und Identität, doch Kusturicas Verhältnis zur Politik ist weit mehr als irrational und instinktiv. Sein Nationalismus ist Ausdruck auf die simple Schwarzweißmalerei des Westens, allein den Serben die Schuld am Krieg zu geben. Es spiegelt jedoch einzig das wider, von dem er überzeugt ist, einer Pauschalkritik an allem, was irgendwie westlich deklariert werden kann. Hollywood, Kapitalismus und vor allem die US-amerikanische Politik, die mit Bomben Leute und Länder erziehen wollen, die sich nicht einem bestimmten Akkord anpassen wollen. Seine Idee hat nichts mit Religion oder Nationalismus zu tun, sondern ist lediglich Ausdruck einer Provokation gegen bestehende Verhältnisse im internationalen System.

Sein Leben bedient sich gleich seinen Filmen der Satire und Groteske, denn Provokation zielt auf eine Reaktion ab. Für ihn zähle allein das Resultat, und dafür braucht er die Politik. Am Balkan gibt es wohl kein Drama ohne Politik. Er sucht so Brücken zu bauen, die die Depression der postjugoslawischen Länder und seiner selbst kurieren.

»Von allem, was der Mensch baut und aufbaut, gibt es nichts Besseres und Wertvolleres als Brücken.« Ob Andrić über Kusturicas Brücken dasselbe sagen würde?

 

Bildquelle: http://www.morasta.it/wp-content/uploads/2015/06/emir-kusturica.jpg

M. C. Mariacher

Markus Christopher Mariacher hat an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck und der Universität Wien das Fach Politikwissenschaft studiert. Er setzt sich derzeit mit seiner Doktorarbeit auseinander. Sein derzeitiger Forschungsschwerpunkt gilt dem Horn von Afrika, der politischen Ikonographie und der Machtvisualisierung im öffentlichen Raum. Doch auch der „Osten“ hat ihn in den Bann gezogen. Seine Neugier umfasst hier kulturelle wie politische Themen, mit Länderschwerpunkten auf Russland, Ungarn und Bosnien-Herzegowina.

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