"Die Proteste waren eine große Sache in Rumänien"

"Die Proteste waren eine große Sache in Rumänien"

“Die Proteste waren eine große Sache in Rumänien”

Lukas Knopp absolviert seit Februar ein Praktikum in Rumänien. Er bekam mit, wie praktisch „vor seiner Tür“ in Cluj (Klausenburg) die Aufstände gegen die Einschränkung des Anti-Korruptions-Gesetzes stattfanden.

 

  1. Lukas, bitte erzähl uns von deinem Praktikum in Rumänien!

Ich absolviere ein Praktikum am Deutschen Kulturzentrum Klausenburg (Cluj), dem Goethe-Zentrum. Das Zentrum wird von der Rumänisch-Deutschen Kulturgesellschaft getragen, kooperiert mit dem Goethe-Institut in Bukarest und organisiert kulturelle Veranstaltungen, die sich vor allem an Rumänen richten. Im April kriegen wir zum Beispiel Besuch von Wladimir Kaminer. Es gibt auch eine Bibliothek und Sprachkurse. Hin und wieder gibt es auch eher politische Veranstaltungen, z.B. über Rassismus. Mein Aufgabenspektrum ist weit gefächert, ich bin sozusagen „Mädchen für alles“. Aber es macht eigentlich alles Spaß und ist interessant. Man trifft auch sehr viele Künstler. Es hat nur einen Monat gedauert, bis ich knietief in der Klausenburger Kunstszene gesteckt habe.

  1. Wie hast du die Aufstände in Rumänien erlebt?

Ich kam an einem Montag hier an und kurz darauf ging es richtig los. Am Mittwoch darauf wurde ein Gesetz verabschiedet, das Korruption weitgehend dekriminialisieren und damit Politiker der Regierungspartei schützen sollte. Es war bekannt, dass das Gesetz vorher schon in Planung war. Die rumänische Regierung hat das Gesetz spätabends verabschiedet, um alles möglichst schnell über die Bühne zu bringen, allerdings ging dieser Plan nach hinten los. Es kam zu großen Demonstrationen, bei denen in ganz Rumänien mehrere Hunderttausende auf die Straße gingen, in Cluj zeitweise etwa zehn Prozent der Einwohnerzahl. Ich habe in der Türkei gelebt und auch dort habe ich mich aus den Demonstrationen herausgehalten, in denen es um innere Angelegenheiten ging. So halte ich das eigentlich immer. Aber ich habe mich informiert und fand die Situation so eindeutig, dass ich bei den Protesten in Cluj kurzerhand mitmarschiert bin. Die Proteste waren eine große Sache in Rumänien. Im Übrigen im Vergleich zu den Demos, die ich in der Türkei erlebt habe, absolut ungefährlich. Einmal haben alle angefangen, die rumänische Nationalhymne zu singen. Das kannte ich noch nicht. Es war beeindruckend. Am darauffolgenden Sonntag wurde das umstrittene Gesetz zurückgezogen. Die Proteste gingen eine Weile lang noch weiter. Viele wollten, dass die Regierungspartei zurücktritt. Die ist allerdings erst frisch im Amt. Und so wurden die Proteste immer kleiner.

  1. Wie schlägt sich die politische Stimmung im Alltag nieder?

Auf der Straße sah man Graffitis und Aufkleber. Auch den Namen der Regierungspartei PSD hörte man sehr häufig. Viele junge Leute haben ihr Facebook-Profilbild in ein Protestbild geändert. Ich hatte schnell den Eindruck, als wären viele Rumänen stolz auf die Proteste. Natürlich war die ganze Situation vor einem Monat noch viel präsenter als jetzt. Irgendwann hat sich dann die Einsicht breitgemacht, dass man mit den regierenden Politikern erstmal leben muss.

  1. Du hast ja in beiden Ländern gelebt. Wo siehst du die Parallelen, wo die Unterschiede zwischen den politischen Situationen in Rumänien und Ungarn?

Sowohl in Ungarn als auch in Rumänien gibt es zivilgesellschaftliche Bewegungen und eine aktive zivile Opposition. In beiden Ländern sind diese Bewegungen für viele größere Hoffnungsträger als die klassischen Oppositionsparteien. In beiden Ländern ist Korruption ein großes Problem, dennoch ist das Thema in Rumänien viel präsenter. In Ungarn wird Nepotismus von Orban und seinem Umfeld natürlich auch problematisiert, aber es ist nicht Wahlkampfthema Nummer eins. In beiden Ländern gibt es außerdem starke Vorurteile gegen die Roma-Minderheiten. Vom Eindruck her sind die Ressentiments in Rumänien anders, zumindest hier in Siebenbürgen kommt mir der Umgang mit Roma entspannter vor. Nichtsdestotrotz kommt es sowohl in Ungarn wie auch in Rumänien zu Enteignungen, die ich als Pogrome bezeichne. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Auch die Vorurteile und Klischees gegenüber als Zigeunern wahrgenommenen Menschen, das Zigeunerbild, ist wie auch sonst überall in Europa schon seit dem 19. Jahrhundert erstaunlich unverändert.

Vielen Dank für das Interview!

F. Stallbaum

Finn Stallbaum studiert im Master „Internationale Beziehungen“ in Budapest. Zuvor hat er ein wirtschaftliches Bachelorstudium in Paderborn in Deutschland absolviert. Er sammelte Auslandserfahrung in Finnland und nahm an zahlreichen Konferenzen der Model United Nations teil. Zu seinen Interessensgebieten gehören Diplomatie und internationale Zusammenarbeit.

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