Der sprachliche Imperialismus auf dem Balkan

Der sprachliche Imperialismus auf dem Balkan

Der sprachliche Imperialismus auf dem Balkan

Es gibt eine berühmte Filmszene aus einer jugoslawischen Komödie. Eine Gruppe von Bekannten setzt sich in einem Restaurant zu einem Tisch hin und bestellt Kaffee. Da sie von unterschiedlichen Orten innerhalb (des ehemaligen) Jugoslawiens stammen, erhält der Kaffee auch leicht unterschiedliche Bezeichnungen und diese Vielfalt der Kaffeebenennungen verwirrt schlussendlich den «armen» Kellner.

2016 hat sich eine merkwürdige Bewegung in Gang gesetzt. Deren Teilnehmer fanden im Rahmen des Projektes ”Sprachen und Nationalismen” eine Einigung und riefen eine “Deklaration über die gemeinsame Sprache” aus.

Mit in vier Ländern - Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Serbien - gehaltenen Konferenzserien wollten die Initiatoren “die ständigen nationalistischen Praxen in den Sprachen beleuchten und diesem Prozess ein Ende setzen." Die Verfasser nahmen als Ausgangspunkt die von den Linguisten unterstützte wissenschaftliche These auf, die besagt, dass in diesen vier Ländern vier Standardvarianten einer polyzentrischen Sprache gesprochen werden.

Das von mehr als 200 Schriftstellern, Universitätsprofessoren, Linguisten, Journalisten und anderen Intellektuellen unterschriebene Dokument bringt zum Ausdruck, dass, wie beim Englischen, Deutschen, Spanischen, Portugiesischen, Arabischen oder ebenso bei anderen Sprachen (von Nationen und Völkern), auch in den oben genannten Ländern mit erkennbaren Varianten die Sprache gesprochen wird, und es damit auch eine gemeinsame Standardsprache gibt. Auf dem ehemaligen serbokroatischen oder kroatoserbischen Sprachgebiet existieren zurzeit vier “politische” Sprachen sagen die Initiatoren, und wollen mit ihrer Initiative “den sprachlichen Imperialismus” wegwerfen, wie auch die Thesen der 50-jährigen sprachlichen Sklaverei, die in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens eine beliebte Auffassung ist.

“Die Beharrung auf diese Vorstellung, trotz der offensichtlich geringen Unterschiede, hat zu negativen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Erscheinungen geführt, wie z.B. zur Segregation der Kinder in multinationalen Gemeinden, zu unnötigen Übersetzungen in der Administration oder in den Medien oder als bürokratischen Zwang und auch als Zensur, in denen die sprachliche Ausdrucksweise mit der ethno-nationalistischen Zugehörigkeit und Loyalität (gegenüber der Nation) gleichgesetzt wurde”. Für die Verfasser des oben genannten Dokuments bedeutet die Benutzung von vier Varianten einer Standardsprache nicht, dass es sich um vier verschiedene Sprachen handelt.

Die Verfasser lehnen diesbezüglich die Infragestellung des individuellen Rechts, sich zu einer Nation, Region oder Staat zu bekennen, ab und umgekehrt: Man hat das Recht sich zu einer gleichberechtigten Variante der gemeinsamen Sprache zu bekennen. Doch es gibt merkbare Unterschiede in der kulturellen Tradition und Praxis dieser Standardvarianten. “Aber, diese standardmäßigen, dialektischen oder individuellen Unterschiede rechtfertigen eine aggressive institutionalisierte Trennung nicht, sondern, im Gegenteil, sie führen zur Bereicherung der gemeinsamen Sprache,” sagen die Urheber.

Im Zuge des Zerfalls Jugoslawiens haben sich die neu gegründeten Staaten von ihren Nachbarn und auch von der Sprache distanziert. Dies führte zu Spracherneuerungen auf diesem Gebiet, die neben lächerlichen Beispielen, auch viel Ärger hervorriefen. Die letzte große Spracherneuerung fand nach dem Unabhängigkeitsreferendum Montenegros statt. Das kleine Gebirgsland hat im Jahr 2006 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Dies führte gleichzeitig zu einer Neudefinition der “montenegrinischen” Sprache und zu ihrer Auserkorung zur einzigen offiziellen Sprache, trotz der Tatsache, dass sich 30% der Bevölkerung zum Serbischen bekennt. Es wurde gleich ein “Sprachstandardisierender Rat” einberufen und man gab das neue serbisch-montenegrinische Wörterbuch heraus, das dem deutsch-österreichischen Wörterbuch ähnlich ist.

Die Initiatoren wollen unter anderem die sprachliche Freiheit in der Literatur, Kunst und Medien fördern und die freie Mischung von Standardsprachen und Dialekten vorantreiben: “Eine gegenseitige Offenheit in der Übernahme von verschiedenen Ausdrücken der gemeinsamen Sprache zugunsten aller, die sie sprechen.” Ante Tomić - ein kroatischer Schriftsteller und Journalist - hat seine Unterschrift folgendermaßen begründet: “ [Diese Erklärung] steht im Gegensatz zu den schrecklichen, idiotischen, unmenschlichen Konditionen der Sprache, in der sie sich heute befindet.”

Wahrscheinlich hatte er noch die manchmal lustigen Anstrengungen der kroatischen Spracherneuerung in 90er Jahre in Erinnerung. Als Nachwirkung des Kroatienkrieges versuchte man zentral die serbischen Wörter zu verdrängen und die entstandenen Lücken durch neue, manchmal archaische mittelalterliche Wörter zu kompensieren. Zum Beispiel um das serbische Wort “kais” (Gürtel) zu ersetzen, erfand man die zusammengesetzten Wörter “okolotrbušni pantalodrzac” (grob übersetzt: Hosenhalter um den Bauch herum).

Die Verfasser haben sich “gegen die sprachliche Segregation und Diskriminierung gestellt, gegen die repressiven und unnötigen Trennungen der Sprachen, die für die Sprechenden hinderlich sind und gegen die rigide Definierung der Standardsprachen, die unnötigen, sinnlosen und teuren Übersetzungen in den Ämtern, an Gerichten und öffentlichen Institutionen.”

Die Wahrnehmung der Initiative ist aber zwiespältig. Auf der kroatischen Seite wurde der Deklaration noch vor ihrer Bekundung der Krieg erklärt. Der kroatische Ministerpräsident Andrej Plenković hat sich empört geäußert: “Kroatisch ist die Sprache der Republik Kroatien, wie es in ihrer Verfassung definiert ist und ist eine der offiziellen Amtssprachen der EU. Mit anderen Dingen brauchen wir gar nicht die Zeit zu verschwenden.” Seine Kultusministerin hat auch den gleichen Ton angeschlagen: ”Die ehemalige serbokroatische/kroatoserbische Sprache war nur ein politisches Konstrukt.”

Die Deklaration mit all seiner Gutmütigkeit ruft in den Menschen ambivalente Gedanken und Gefühle hervor. Es lässt den fast 200-jährigen (Süd-)Panslawismus mit allen seinen gescheiterten Merkmalen, seiner titoistischen Nostalgie, aber auch der bitteren Erinnerung an ein serbisch dominiertes Jugoslawien erwecken, in der die ehemalige kommunistische Parteiführung in der (serbokroatischen) Sprache ein Mittel zu ihren Integrationsanstrengungen sah, um einen zentral geführten, in Kultur homogenen Staat zu schaffen.

Die Deklaration ist aber auch die logische Konsequenz einer wissenschaftlichen These, dass in Montenegro, Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina eigentlich eine gemeinsame Sprache mit unterschiedlicher politischer Belastung gesprochen wird. Es ist ein erster großer Schritt der Annäherung, der in der Region lebenden Völker, auch wenn von den zentralen Administrationen immer Hürden in den Weg gestellt werden - oft mit nationalistischem Charakter.

Die kulturelle Konvergenz in der Welt - im Rahmen des Globalismus aber auch des Regionalismus - wird auch auf die Balkanstaaten unausweichbar zukommen. Es kommen neue Generationen, die den Horror der 90er Jahre nur aus den Geschichtsbüchern kennen und die für die zentral generierten Unterschiede nicht empfänglich sein werden.

N. Petrovics

Zur Zeit studiere ich im Master Internationale Beziehungen in Budapest. Zuvor habe ich ein Bachelorstudium in Geschichte und Germanistik absolviert. Ich bin in Serbien geboren, aber nach Ungarn gezogen. Ich befasse mich mit der innenpolitischen Entwicklung Serbiens und vor allem mit der Europäisierung des Parteiensystems.

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