Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in Serbien seit 1990

Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in Serbien seit 1990

Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in Serbien seit 1990

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Identität, Konflikt und Nationenbildung: Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in Serbien seit 1990

 

Abstract: Im Zuge des jugoslawischen Desintegrationsprozesses haben sich die Erinnerungsnarrative in den neu entstandenen Nationalstaaten radikal verändert. Dieser Beitrag analysiert diesen Prozess anhand des Fallbeispiels serbischer Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. Identifiziert werden historische Ereignisse, derer sich seit den späten 1980er / frühen 1990er Jahren gemeinschaftlich erinnert wird. Hierbei wird zunächst dargelegt, inwiefern sich diese vom jugoslawischen Diskurs unterscheiden. In einem weiteren Schritt – eingebettet in die theoretischen Überlegungen von Maurice Halbwachs sowie Jan und Aleida Assmanns – wird untersucht, wie dies mit den Kategorien von Identität, Macht und Konflikt im Zusammenhang steht. Abschließend wird sich der Frage angenommen, ob der externe Faktor des europäischen Integrationsprozesses zu einem neuerlichen Bruch dominanter Narrative geführt hat.

Schlüsselwörter: Erinnerungskultur; Geschichtspolitik; kollektives Gedächtnis; Nationalismus; Opfermythos; Serbien; EU-Integration; Konflikt

 

Einführung

Sich an etwas erinnern heißt, Vergangenes wiederzubeleben: Die Vergangenheit ist keine abgeschlossene oder unveränderbare Einheit; sie ruht niemals. Vielmehr ist sie immer auch als integraler Bestandteil der Gegenwart zu begreifen. Vergangene Ereignisse und Erfahrungen werden in die Gegenwart geholt, um sie zum Gegenstand heutiger Diskussionen zu machen. Die Bewertung dieser Ereignisse und Erfahrungen steht dabei nie endgültig fest, sondern ist Teil einer internen Dauerdiskussion, die einen entscheidenden Einfluss auf die Wirklichkeit hat.

Das Phänomen gemeinschaftlicher Erinnerung birgt in sich ein großes Potential, die Emotionen, das Denken und Handeln von größeren Gruppen zu vereinheitlichen. Übergeordnete Ziele können definiert und gemeinsame Feinde ausgemacht werden; Erinnerung kann instrumentalisiert und manipuliert werden.

In den Gesellschaften Südosteuropas ist dies im Zuge des Desintegrationsprozesses Jugoslawiens besonders deutlich sichtbar geworden. Mit der Entstehung neuer Nationalstaaten hat sich die Erinnerungslandschaft der Region radikal verändert. Das übergeordnete – vom Bund der Kommunisten geförderte – Narrativ war jenes von „Brüderlichkeit und Einigkeit“ (Bratvstrvo i jednistvo). Dieses sollte ein Zusammengehörigkeitsgefühl aller Menschen der Republiken und autonomen Provinzen vermitteln und die Loyalität gegenüber dem neuen größeren Ganzen – dem sozialistischen Jugoslawien – stärken. Diesem Dogma lag insbesondere ein zentrales Ereignis zugrunde: Die gemeinsame Erfahrung und geteilte Erinnerung des antifaschistischen Kampfes während des Zweiten Weltkrieges. Die Befreiung aus eigener Kraft von der nationalsozialistischen Okkupation wurde zelebriert, die Partisanenkultur gepflegt. Dazu wurden Museen eröffnet, Gedenkstätten eingeweiht, einheitliche Lehrbücher verfasst, Straßen, Plätze und Städte umbenannt und Feiertage eingeführt.

Jugo-nostalgische Gruppen und – mehr oder weniger ironische – popkulturelle Referenzen einmal außer Acht gelassen, ist dieses Narrativ heute größtenteils aus den Gesellschaften Südosteuropas verschwunden. Vor dem Hintergrund des gewaltsamen Konfliktes dominieren in den neuen Staaten nun Narrative, die Unterschiede zu den jeweils anderen (ethnischen, nationalen, religiösen etc.) Gruppen betonen.

Mit dem Artikel wird eine zweifache Absicht verfolgt. In einem ersten Schritt soll eine theoretische Einführung über das Feld der Erinnerungskultur und Geschichtspolitik geliefert werden. In einem zweiten Schritt werden die gewonnenen Erkenntnisse am Fallbeispiel Serbiens konkret veranschaulicht. Dabei wird es um die Frage gehen, welche Gruppen sich an was, wie, wo und wann erinnern. Wie sind die Erinnerungsgemeinschaften in Serbien beschaffen? Welche Brüche und Kontinuitäten sind seit den späten 1980er Jahren zu beobachten? Welche historischen Ereignisse erhalten besondere Aufmerksamkeit? Es wird ferner zu klären sein, wie hier Erinnerung mit den Kategorien Identität, Konflikt und Macht verknüpft ist.

 

Theorie- und Begriffsdiskussion

Identitätsbildung durch kollektive Erinnerung: Wie genau geht ein solcher Prozess vonstatten? Dies ist eine der Kernfragen, derer sich in der Erinnerungsforschung angenommen wird. Schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts bemerkte Maurice Halbwachs, einer der Gründerväter dieses transdisziplinären Forschungsfeldes, hierzu treffend, dass die Konturen der Vergangenheit durch die Linse der Gegenwart gezeichnet werden. Unsere gegenwärtigen Probleme und Angelegenheiten definieren, wie wir Vergangenes verstehen und artikulieren. Erinnerung ist daher nicht starr, sondern wird ständig anhand der gegenwärtigen Bedürfnisse konstruiert und rekonstruiert (vgl. Halbwachs 1992 [1941]: 43).

Beginnen wir mit einer Annäherung an den Modebegriff der „Erinnerungskultur“. Es lässt sich zunächst feststellen, dass es sich um einen Neologismus handelt. Erst seit Mitte der 1990er Jahre soll mit diesem Sammelbegriff „[...] die Gesamtheit des nicht spezifisch wissenschaftlichen Gebrauchs der Geschichte in der Öffentlichkeit – mit verschiedensten Mitteln und für die verschiedensten Zwecke“ (Hockerts 2002: 41, zit. nach Wolfrum 2010: 17) gefasst werden. Es geht hierbei also darum, die Erinnerungskultur als die „Geschichte der Öffentlichkeit“ von Primärerfahrungen und den Geschichtswissenschaften zu trennen (vgl. ebd.). Astrid Erll (2008: 176) spricht gar von mehreren Erinnerungskulturen. Damit soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass es innerhalb einer Kultur oder Gesellschaft, so homogen sie auch sein mag, immer eine Vielzahl an „Erinnerungsgemeinschaften“ gibt. Die Zusammensetzung einer solchen Gemeinschaft kann sich aus unterschiedlichen Faktoren ergeben: So etwa Zugehörigkeit zu einer Ethnie, Religion, Nation, Familie, Altersgruppe oder Nachbarschaft. Doch wie formieren sich derartige mnemonische Gemeinschaften? Hierbei spielt das „kollektive Gedächtnis“ eine herausragende Rolle. Dieser abermals von Halbwachs geprägte Begriff beschreibt eine gemeinsame Gedächtnisleistung einer Gruppe. Es wird dabei nicht von etwas im biologischen Sinne Vererbbarem ausgegangen. Vielmehr soll das Phänomen der spezifischen Prägung des Menschen durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaft und Kultur (durch die Praxis der Sozialisation und Überlieferung) beschrieben werden (vgl. Assmann 1988: 9).

Aleida Assmann (2006: 24 ff.) macht drei, sich aufeinander beziehende, Arten des Gedächtnisses aus: Das individuelle, das soziale und das kollektive Gedächtnis. Demnach ist das individuelle Gedächtnis stets perspektivisch, lässt sich also weder austauschen noch übertragen. Weiter existiert es nicht isoliert, da es mit anderen Erinnerungen vernetzt ist, wodurch diese sich gegenseitig festigen. Zudem sind individuelle Erinnerungen fragmentarisch und flüchtig. Das bedeutet, dass sie begrenzt und ungeformt sind und erst im Nachhinein durch Erzählungen an Struktur gewinnen oder auch verschwinden können. In der Zusammenfassung dieser Merkmale besteht das individuelle Gedächtnis als „[...] dynamisches Medium subjektiver Erfahrungsverarbeitung" (Assmann 2006: 25). Zudem, so Assmann weiter, ist neben dem sozialen Umfeld auch ein spezifischer Zeithorizont, der durch den Wechsel der Generationen bestimmt ist, entscheidend. Erinnerungen aus verschiedenen Generationen nehmen sich also gegenseitig auf. In der Überkreuzung des Selbsterlebten mit dem Gehörten liegt der existentielle Horizont für das individuelle Gedächtnis.

Das Medium des sozialen Gedächtnisses schließt an die Vernetzung der verschiedenen individuellen Erinnerungen an. Es handelt sich hierbei um eine Generationsidentität, die durch einen begrenzten Zeithorizont gekennzeichnet ist (vgl. ebd.: 28). Das kollektive Gedächtnis ist im Gegensatz zum sozialen stabiler und auf einen längeren Zeitraum angelegt. Zudem kann es ohne das Medium des Gespräches fortdauern, da es nicht nur vom kommunikativen Austausch im Leben abhängig ist. Dazu Assmann:

"[I]m kollektiven Gedächtnis werden mentale Bilder zu Ikonen und Erzählungen zu Mythen, deren wichtigste Eigenschaft ihre Überzeugungskraft und affektierte Wirkmacht ist. Solche Mythen lösen die historischen Erfahrungen von den konkreten Bedingungen ihres Entstehens weitgehend ab und formen sie zu zeitenthobenen Geschichten um, die von Generation zu Generation weitergegeben werden" (Assmann 2004: 2).

Wie kann ein kollektives Gedächtnis zur Konstruktion von Identitäten im Sinne einer Geschichtspolitik genutzt werden? Für die Fallbeispiele der südosteuropäischen Gesellschaften interessiert uns eine politische Ausprägung der Erinnerungskultur, in der die zentralen Kategorien „Interesse, Macht und Herrschaft“ (Wolfrum 2010: 19) eine greifbare Rolle spielen.

Wie Sandner (2001: 6) bemerkt, legt der Begriff der Vergangenheitspolitik zunächst eine Assoziation mit dem älteren Begriff der Vergangenheitsbewältigung nahe. Diese, so Sandner weiter, lässt sich wiederum in drei Ebenen unterscheiden: In einen Prozess der kollektiven Verdrängung und Verleugnung, in einer kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte und die Überwindung von Abwehrmechanismen, die ausgehend von der individuellen Psyche auf die Gesellschaft übertragen werden, sowie in einer Ebene des Kulturkampfes und des Kampfes um kulturelle Hegemonie (vgl. ebd.).

Die zweite Ebene nach Sander zielt auf den moralischen Imperativ, sich – als Voraussetzung für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit – mit einer gewaltsamen und/oder konfliktreichen Vergangenheit auseinanderzusetzen, ab. Hierbei geht es um Kategorien wie Trauerarbeit, Eingeständnis von Schuld und Versöhnung. Institutionalisiert durch Gerichte oder Wahrheitskommissionen sollen Mechanismen für neue demokratische Autoritäten  geschaffen werden, um mit den Verbrechen ihrer Vorgänger adäquat umgehen zu können. Präzise gesagt ist das die Herausforderung dessen, was als Transitional Justice bezeichnet wird (vgl. Dragović-Soso 2010: 33-40).

Uns interessiert hier jedoch besonders die erste und dritte Ebene. In letzterer wird Geschichtspolitik zum Handlungs- und Politikfeld. Es geht hier „[i]m Sinne der Traditionsstiftung und Herstellung von Kontinuität in hegemonialen Diskursen [...]“ (Sandner 2001: 7) um die Funktion der Geschichte als stabilisierender Faktor der Herrschaft. Mit einer Geschichtspolitik wird Tradition also konstruiert und Geschichte repräsentiert.

Dort, wo Geschichte im Dienst der Identitätsstiftung steht, von Bürgern angeeignet und von den Politikern beschworen wird, kann man von einem politischen oder einem nationalen Gedächtnis sprechen (vgl. Assmann 2006: 37). Dieses wirkt im Gegensatz zum sozialen Gedächtnis von oben auf die Gesellschaft ein, ist auf überlebenszeitliche Dauer angelegt und in politischen Institutionen verankert. Eine wesentliche Funktion der Geschichtspolitik ist die der kollektiven Identitätsstiftung. Dazu Wolfrum (1998: 382, zit. nach Sandner 2001: 89):

"Geschichte kann zu einer Mobilisierungsressource im politischen Kampf um Masseneinfluss und Macht werden: Sie vermag gemeinsame Bezüge zwischen diffusen Gruppen zu schaffen; mit ihr läßt [sic!] sich kollektive Identität stiften und in politische Legitimation ummünzen".

Um Identität geht es auch bei der Bildung einer Nation. Mit Verweis auf Buruma bemerkt Assmann (2006: 40), dass Nationen bestimmte historische Erfahrungen durch die Art und Weise ihrer Verarbeitung, Deutung und Aneignung in Mythen verwandeln, denen sie eine auto-hypnotische Wirkung verleihen. Diese Mythen haben eine wichtige Eigenschaft: Überzeugungskraft. Indem sie die historischen Erfahrungen von den konkreten Bedingungen ihres Entstehens ablösen, werden sie zu zeitenthobenen Geschichten umgeformt und zwischen den Generationen weitergegeben (vgl. ebd.: 40). Der Weg zur Nationenbildung durch Mythisierung liegt also darin, dass die Vergangenheit dazu genutzt wird, die Gegenwart zu legitimieren: Die Gegenwart fungiert „[...] als Zwischenstufe einer motivierenden, Vergangenheit und Zukunft übergreifenden Erzählung [...]“ (Assmann 2006: 42).

Aus dieser konstruktivistischen Sicht wird Erinnerung vom Staat oder den Eliten geformt und bietet die Möglichkeit, die Erinnerungsnarrative einer Gesellschaft zu homogenisieren, somit Identität zu konstruieren und schließlich eine bestimmte nationale politische Agenda zu rechtfertigen. Dieser Homogenisierungsprozess – die Vereinheitlichung der Erinnerungsnarrative innerhalb einer bestimmten Gruppe – kann viele Formen annehmen. Mediale Berichterstattung, Installierung von Denkmälern und Museen, Gestaltung von Geschichtsbüchern oder die Begehung von Feiertagen sind hierbei Beispiele von mnemonischen Praktiken, von Erinnerungsaktivismus.

Wie das letztgenannte Beispiel zeigt, ist neben dem Was und dem Wie auch das Wann der kollektiven Erinnerung entscheidend. In der Literatur wird dies mnemonische Synchronisation genannt. Zuletzt können Orte, an denen zu bestimmten Zeiten auf gewisse Art und Weise kollektive Akte der Erinnerung begangen werden, den Prozess der Homogenisierung von Gemeinschaften verstärken. Nicht zufällig hielt Milošević seine Amselfeldrede am 600. Jahrestag des Vidovdan auch auf dem Amselfeld in Gazimestan. Angesichts der spezifischen Ziele, die die serbischen Eliten im Jahr 1989 verfolgten, war es logisch, die Rede auf dem historischen Ort der Schlacht und nicht etwa in Belgrad zu halten. Nur so konnte der gewünschte Effekt von Massenmobilierung – durch das Mittel der Konzentration auf ein bestimmtstes Erinnerungsnarrativ – der serbischen Bevölkerung in dieser Intensität erwirkt werden.

Dieser Top-down-Ansatz stellt jedoch nur eine Variante von (staatlich geförderter) Geschichtspolitik dar. Zu Recht weist Dragović-Soso (2010: 31) auf den zu determnistischen Charakter dieses Ansatzes von Erinnerung hin und darauf, dass ein größeres Spektrum der Repräsentierung von Vergangenheit existiert. So kann ein Bottom-up-Ansatz Bereiche von Widerstand gegenüber dominierenden Rahmen- und Erinnerungsvisionen aufzeigen. Die Durchführung einer Demonstration, als ein Beispiel einer Bewegung von unten, gegen die Politik der herrschenden Eliten kann alternative Erinnerungsnarrative in den Vordergrund stellen. Kollektive Erinnerung ist daher auch ein Phänomen mnemonischer Kämpfe. Auch untergeordnete und marginalisierte Stimmen können Wege der Loslösung von Kräften, die eine bestimmte Konstellation von Bedeutungen über uns besitzt, eröffnen (vgl. ebd.: 32).

 

Mnemonische Kämpfe -  Opfermythos vs. Täterrolle

Am 5. August 2016 wurde in Knin der 21. Jahrestag der Operation Sturm (Operacija Oluja) mit einer Gedenkfeier begangen. An diesem kroatischen Nationalfeiertag, dem Tag des Sieges und der heimatlichen Dankbarkeit, wird an den Sieg der kroatischen Armee und Polizeieinheiten über serbische paramilitärische Gruppen im Sommer 1995 erinnert. Letztere hatten im Zuge des Kroatienkrieges (1991-95) auf einem Teil des kroatischen Staatsgebiets die völkerrechtlich nicht anerkannte Republika Srpska Krajina ausgerufen.

Nach der Durchführung einiger symbolischer Akte auf der Festung (patriotische Gesänge des Militärchores, Hissen der kroatischen Flagge, Salutschüsse etc.) hielt Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović eine Rede, in der sie die Bedeutung der Operation für ein unabhängiges Kroatien betonte. Der Heimatländische Krieg (Domovinski rat) sei ein gerechter Kampf gegen eine aus Belgrad gesteuerte und aus serbischen Tschetniks bestehende, gemeinsame kriminelle Unternehmung gewesen; der kroatische Staat habe keinerlei Vergeltungsakte angeordnet, unternommen oder gebilligt; die Operation sei politisch und ethisch gerechtfertigt gewesen (vgl. Milekić 2016: 1).

Einen Tag vorher interpretierten politische Persönlichkeiten Serbiens und der Republika Srpska[i] dasselbe historische Ereignis in einer gänzlich anderen Art. Im serbischen Dorf Busije, das größtenteils von einem Teil der über 200.000 kroatischen Serben bevölkert ist, die infolge der Operation Sturm geflüchtet waren, wurde ein Gendenktag des Leidens und der Verfolgung von Serben begangen.

Serbiens designierter Ministerpräsident, Aleksandar Vučić, betrauerte serbische Opfer, die einzig aufgrund ihrer Nationalität getötet worden seien. Ferner kritisierte er die anstehende Siegesfeier der kroatischen Regierung, deren Siegesjubel nichts wert sei, da er von serbischer Trauer zehre. Gleichzeitig betonte Vučić, dass Serbien heute stark genug sei, sein Volk zu beschützen und zukünftige „Stürme“ verhindern zu können (vgl. Pantović 2016:1).

Milorad Dodik, Präsident der Republika Srpska, fügte bedauernd hinzu, dass der Nationalismus in Kroatien wieder aufsteigende Tendenzen zeige und Kriegsverbrecher als Helden gefeiert würden (vgl. ebd.). Medial wurde diese Darstellung vom Srpski Telegraf unterstrichen, indem er „Sturm – Übel ohne Bestrafung. Serbien, vergiss das Verbrechen nicht!“ titelte.[ii]

Diese unterschiedlichen Interprätationen der Operation Sturm stellen Paradebeispiele staatlich geförderter Geschichtspolitik dar. Sowohl von serbischen als auch kroatischen Eliten wird dieses Ereignis instrumentalisiert, um ein einheitliches nationales Gedächtnis zu formen. Seit Ende des Krieges werden alljährlich vergleichbare Erinnenrungszeremonien abgehalten, die von der jeweiligen Gegenseite auf ablehnende Resonanz stoßen. Es kann in diesem Fall also von einer Kontinuität eines von oben gesteuerten politischen Eingreifens in die Erinnerungskultur gesporchen werden.

Auf der kroatischen Seite kann so das Narrativ vom Heimatländischen Krieg als heroischer Verteidigungs- und Befreiungskrieg aufrechterhalten und im kollektiven Gedächtnis verankert werden. Die Operation Sturm sei als finaler Akt der Befreiung von den Tschetniks zu bewerten. Gemeint sind mit diesem Begriff sowohl die Jugoslawische Volksarmee als auch diverse serbische paramilitärische Einheiten. Ein wichtiger Dienst in der Abwehrung großserbischer Politik sei geleistet worden.

Auf der serbischen Seite kann auf der – weiterhin viel bemühten – Opferrolle bestanden werden. Die Okkupation eines Drittels des kroatischen Staatsterretoriums wird damit gerechtfertigt, dass man damit die dort ansässige serbische Bevölkerung vor einer systematischen Unterdrückung durch die revisionisitische Tuđman-Regierung und der revitalisierten faschistischen Ustascha (gemeint sind die kroatische Armee und die Polizeieinheiten)  geschützt habe.

Auf beiden Seiten werden also einfache Feindbilder aufrechterhalten. Die eigene Identität wird so auch gerade in Abgrenzung zum Anderen definiert. Dazu trägt auch die Verwendung der Begriffe Ustascha und Tschetniks bei, wodurch ein Parallelismus zwischen dem Kroatienkrieg und dem Zweiten Weltkrieg hergestellt wird. Durch diesen zeitlichen Rückgriff geraten verbindende Elemente zwischen Serben und Kroaten aus der sozialistischen Ära in den Hintergrund.

Durch das Mittel der selektiven Erinnerung können ferner die jeweils eigenen Gräueltaten verschwiegen werden: So passt etwa die Zerstörung der historischen Altstadt Dubrovniks, einem Weltkulturerbe der UNESCO, schlecht in das serbische Opfernarrativ und hat wenig Heroisches an sich. als Akt der kollektiven „sozialen Amnesie“ (Dragović-Soso 2010: 25) ist auch das bewusste Vergessen Bestandteil der Homogenisierug nationaler Identiät.

Dieses oben beschriebene Erinnern in ethno-nationalisitischen Kategorien entspricht der Kriegslogik und war typisch für die serbische Erinnerungskultur während der Milošević-Ära. Wie von Lea David (2014) herausgearbeitet, wurde für diese Art der nationalen Konsolidierung eine revisionistische und anti-jugoslawische Agenda verfolgt. Dies geschah in drei wesentlichen Schritten: (1) die Wiederbelebung älterer, vorjugoslawischer Narrative (um die Einzigartigkeit Serbiens und Unterschiede zu seinen Nachbarstaaten zu betonen), (2) die Renaissance rechter Bewegungen und (3) die Neubewertung der Kommunistischen Ära und des Partisanenkampfes als unterdrückerische Bewegung (vgl. David 2014: 659).

Eine gewichtige Rolle in der Verbreitung dieses nationalistischen Diskurses spielten die staatlich kontrollierten Medien, die diversen nationalistischen Parteien und die Serbisch-Orthodoxe Kirche. Ferner wurden öffentliche Plätze, wie Straßen oder Parks, mit entsprechenden Umbenennungen mnemonisch neu besetzt, während Erinnerungen an die Tito-Ära zumeist getilgt wurden. Die Neubesetzung der Erinnerung schöpfte aus einem großen historischen Fundus. In einem Akt „nostalgischer Restauration“ tauchten zu Beginn der 1990er Jahre vermehrt Zeichen und Symbole aus dem mittelalterlichen Nemanjiden-Reich auf, ländliche Themen wurde romantisiert (städtisch galt als respektlos gegenüber Traditionen und Werten)  und die historische Niederlage auf dem Amselfeld manipuliert (vgl. Lavrence 2011: 83).

Ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens blieben und bleiben Denkmäler und Monumente, die auf Personen des serbisch-montenegrinischen Widerstandskampfes gegen die Osmanen und Habsburger verweisen (Petar II. Petrović Njegoš, Gavrillo Princip etc.) weiterhin populär. Auch der Erste Weltkrieg und die Balkankriege (1912/13) wurden vermehrt zum Gegenstand kollektiver Erinnerung.

Der Zweite Weltkrieg – unter Tito noch „[...] ausschließlich als antifaschistischer Befreiungskampf und als sozial-revolutionäre Auseinandersetzung perspektiviert [...]“ (Höpken 2005: 370) – wird nun vornehmlich als ethnischer Bürgerkrieg begriffen, dessen Leidtragende in erster Linie Serben gewesen seien. Im Jahr 2004 beschloss das Belgrader Parlament die rechtliche Gleichsetzung von Tschetniks und Partisanen, wodurch das spezifisch Serbische in der Erinnerung an den Befreiungskampf betont wird. Auch verschiebt sich das Bild des Leidtragenden vom jugoslawischen auf das serbische Volk. Als zentraler Ort dieses Opfernarratives wird in regelmäßigen Abständen die Erinnerung an das von der Ustascha betriebene Konzentrationslager Jasenovac gepflegt. Die im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen an Serben werden somit in direkten Zusammenhang mit den Kriegen der 1990er Jahre gebracht: Dieser Logik folgend war das militärische Eingreifen in Kroatien, Bosnien und Herzegowina und Kosovo gerechtfertigt, sogar moralisch verpflichtend gewesen, da es ein zweites Jasenovac zu verhindern galt.

Die hohe Konzentration auf Jasenovac hat noch eine zweite geschichtspolitische Funktion: Ein Gegengewicht gegenüber den bosiakischen und kroatischen Pendants – Srebrenica und Bleiburg – zu bieten. Insbesondere Srebrenica stellt eine große Herausforderung für die Aufrechterhaltung des serbischen Opfernarratives dar. Erst 2015, 20 Jahre nach dem  Massaker, nahm mit Vučić ein Regierungschef Serbiens an der jährlich am 11. Juli stattfindenden Gedenkfeier teil. Dies kann durchaus als Zäsur in der serbischen Geschichtspolitik gesehen werden: Die Anwesenheit Vučićs, die zwar mit Steinewürfen quittiert wurde, symbolisiert die Anerkennung, dass irgendeine Art von Verbrechen vorgefallen ist – dies widerspricht dem Narrativ der späten 1990er Jahre, welches Srebrenica noch als Lüge und Erfindung mit dem Zweck der Dämonisierung des serbischen Volkes darstellte, deutlich. Dieses Verbrechen jedoch als Völkermord anzuerkennen, wie dies durch diverse UN-Gerichte mehrfach geschehen ist,  stellt für die serbische Geschichtspolitik auch heute (noch) eine nicht überschreitbare rote Linie dar. Das mythologisierte Opfernarrativ würde durch ein solches Eingeständnis erheblich ins Wanken geraten.

Im Nachbarland Bosnien und Herzegowina gibt es kein dominierendes Erinnerungsnarrativ. Im Kontext ethno-nationaler Fragmentierung, welche seit dem Daytoner Friedensabkommen politisch institutionalisiert wird, ist auch die Erinnerungskultur im gleichen Maße fragmentiert. Im Wesentlichen gibt es drei zueinander in Konkurrenz stehende Erinnerungsnarrative und Erinnerungspolitiken: Eine bosniakische, eine bosnisch-kroatische und eine – für unseren Fall relevante – bosnisch-serbische. Für alle drei mnemonischen Gruppen gilt der Krieg in Bosnien und Herzegowina (1992-1995) als Schlüsselreferenz der Erinnerungsnarrative. Gleichwohl könnten die drei Interpretationen dieses Ereignisses nicht deutlicher auseinandergehen. Das dominierende Narrativ in der bosnisch-serbischen Erinnerungskultur unterstützt die These des Bosnienkrieges als Heimatländischer Verteidigungskrieg, welcher von der Republika Srpska geführt wurde, um das serbische Volk vor der muslimisch-kroatischen Gefahr – bewusst wird hier zuweilen der Begriff des „Genozids“ eingesetzt – zu  schützen (vgl. Moll 2013: 917).[iii]

Dieser bosnisch-serbischen Darstellung des Krieges in Bosnien und Herzegowina wird sich in Serbien angeschlossen. Jedoch erhält dieser historische Bezugspunkt nicht (mehr) die gleiche zentrale Gewichtung im kollektiven Gedächtnis wie in der Republika Srpska. Die traumatische Erfahrung des NATO-Bombardements (1999) ist an diese Stelle gerückt. Erstmals wurde im Zuge der jugoslawischen Zerfallskriege ein Konflikt auf serbischem Territorium gewaltsam ausgetragen. In der serbischen Gesellschaft wird dieses Bombardement bis heute überwiegend als großes Unrecht angesehen. Auch hier findet das Opfernarrativ seine Anwendung. Die These von einer US-amerikanischen geführten internationalen (euro-atlantischen) Verschwörung gegen Serbien, die letztendlich durch wirtschaftsimperialistische Interessen begründet sei, ist weiterhin populär. Kaum wird das Bombardement in Zusammenhang mit dem Konflikt im Kosovo gebracht. Vielmehr handelt es sich aus dieser Sicht um zwei verschiedene Konflikte. Dementsprechend wird das Vorgefallene in den dominierenden medialen und politischen Erinnerungsdiskursen nicht als humanitäre Intervention sondern als Aggression bezeichnet.

In diesem Geiste soll das „Ewige Feuer“ (Večna Vatra), eines der letzten Denkmäler, das in der Milošević-Ära erbaut wurde, an die zivilen Opfer des NATO-Bombardements erinnern. Das Monument wurde im Jahr 2000 in Ušće, Novi Beograd, eingeweiht und versetzt den Betrachter architektonisch und athmosphärisch in die Zeit des Sozialistischen Realismus. Es handelt sich um eine Säule, auf welcher eine bronzene Flamme gesetzt ist, in der wiederum eine gewisse Zeit lang eine echte Flamme brannte. Am Denkmal ist eine nicht unerhebliche Menge an Text angebracht. Neben zweier Zitate aus Gedichten Branko Miljkovićs (Jugoslavija und Domovini) werden minutiös alle am NATO-Bombardement beteiligten Staaten angeprangert und der Tapferkeit und Stärke des serbischen Volkes während der Verteidigung gehuldigt. Vielfach Akten von Vandalismus ausgesetzt, erinnert die längst erloschene Flamme heute jedoch eher an das Scheitern Miloševićs; ungewollt erinnert es an einen letzten Versuch, die Erinnerungsgemeinschaft durch die Heraufbeschwörung von Feindbildern, durch die  nostalgischen Referenz des Jugoslawismus und durch die Betonung des serbischen Leidens, zu homogenisieren.

Bisher haben wir uns mit staatlich geförderter Erinnerungspolitik beschäftigt. Existieren alternative Erinnerungsdiskurse in der serbischen Gesellschaft in Bezug auf Ereignisse wie dem des NATO-Bombardements? Im Anschluss an die Halbwachs’sche These der Pluralität von Erinnerungskulturen argumentiert Orli Fridman (2016) anschaulich, dass es eine Disparität zwischen der offiziellen Erinnerung und der Art und Weise, wie sich die „normale“ Bevölkerung Belgrads die Periode des NATO-Bombardements vergegenwärtigt, gibt. So erinnern sich bestimmte mnemonische Gruppen weniger an die Angst vor den Bombardements selbst, sondern an die Angst vor den angedrohten Repressionen seitens der serbischen Regierung für den Fall unpatriotischen Verhaltens. Dies betraf etwa Anti-KriegsaktivistInnen wie die Women in Black, unabhängige JournalistInnen oder Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen. Weitere inoffizielle Narrative beziehen sich auf damals geschlossene Freundschaften, Gefühle von Angst, Verzweiflung und Konfusion. Auch an zu jener Zeit veranstaltete einzigartige Parties und Konzerte wird sich heute kollektiv erinnert; gewissermaßen als kulturelles Erbe gilt der während des Bombardements entwickelte Sinn für (schwarzen) Humor, der sich etwa in sarkastischer Graffitikunst äußerte (vgl. ebd.: 10ff.).

Der derzeit geförderte EU-Integrationsprozess stellt die serbische Regierung vor ein Dilemma, da er sich kaum mit dem propagierten Feindbild des euro-atlantischen Aggressors vereinen lässt. Ein EU-Beitritt stellt für Teile der Gesellschaft eine Verbrüderung mit dem alten Feind dar und beschmutze das Andenken der serbischen Opfer. Daher ist es nötig, alternative Erinnerungsdiskurse zu fördern oder das nationalistische Narrativ der Milošević-Ära abzuschwächen. Ob die oben geschilderten alternativen Erinnerungen in einem bottom-up-Ansatz zu diesem Prozess beitragen können, bleibt fraglich. Gegenwärtig zu erkennen ist seitens der staatlichen Eliten die Praxis der Vermeidung von (Loyalitäts-)Konflikten und öffentlichen Debatten, die aus Erinnerungsaktivitäten entstehen könnten. Die „heimliche“ Einweihung eines Denkmals, das allen „Opfern der Kriege und den Verteidigern des Vaterlandes zwischen 1990-1999“ (10-Tage Krieg, Kroatienkrieg, Bosnienkrieg und Kosovokrieg / NATO-Bombardement) gelten soll, ist hierfür ein Beispiel. Hochrangige Politiker blieben der Einweihungszeremonie am 24. März 2012 fern, deren genauer Termin vorab nicht bekanntgegeben wurde. Vorausgegangen war ein 10-jähriger Disput zwischen den verschiedenen Interessensverbänden, die an der Planung beteiligt waren. Weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stritt die Denkmalskommission, bestehend aus Veteranen, Eltern der Opfer, Architekten und Parlamentsabgeordneten, über Ort, Inschrift und Symbolik des Denkmals. Das Ergebnis ist ein kaum beachtetes, letztendlich nichtssagendes Denkmal in der Nähe des Belgrader Hauptbahnhofes.[iv]

Skupština, Belgrad. „Victims of Albanian “UÇK“ Terrorists and “NATO“ Aggression“ (Foto: Cyriakus Bräutigam)

„Victims of Albanian ‚UÇK’ Terrorists and ‚NATO’ Aggression“ ist der Titel eines Transparentes, das die komplette Breitseite der Skupština (Serbisches Parlament) „ziert“. Darauf abgebildet sind Fotos von Menschen, bei denen es sich um zivile und militärische Opfer des NATO-Bombardements sowie von UÇK-Aktionen handeln soll. Die Richtigkeit dieser Angabe lässt sich nicht verifizieren. Abgesehen vom offensichtichen nationalistischen und populistischen Charakter dieser Manifestierung von Erinnerung ist die Tatsache, dass es sich um keine offiziell genehmigte Installation handelt, jedoch bereits seit über einem Jahr Bestand hat, bemerkenswert.[v] Es stellt sich die Frage, warum das Transparent bisher nicht abmontiert wurde, zumal der Ort kaum eine höhere Symbolkraft haben könnte (man stelle sich einmal vor, wie lang ein nicht-genehmigtes Transparent dieser Größe, gleich welchen Inhalts, vor dem Berliner Reichstag Bestand hätte). Die Aktion ist medial und politisch nicht kommentiert worden. Dies spricht für die oben ausgeführte These der Vermeidungsstrategie öffentlich ausgetragener „mnemonischer Schlachten“. Andererseits ließe sich argumentieren, dass die Unterlassung der Demontierung des Transparentes an sich Kommentar genug sei. Eine dritte Möglichkeit, die zumindest die Teilnahmslosigkeit der „normalen“ Zivilbevölkerung – vom Stirnrunzeln vorbeigehender Passanten einmal abgesehen – erklären könnte, bezieht sich auf das Phänomen der Politikverdrossenheit und dem Bedürfnis, sich auf dringlichere, alltägliche Probleme zu konzentrieren.

 

Fazit

Im Zuge des Urteils des ICTY gegen Radovan Karadžić wurde verlautbart, dass die Beweislast nicht ausreiche, um Slobodan Milošević der Verbrechen, die während des Krieges in Bosnien und Herzegowina verübten wurden, schuldig zu sprechen. Umgehend nahm der serbische Außenminister, Ivica Dačić, dies zum Anlass, die Errichtung eines Denkmals zu Ehren Miloševićs vorzuschlagen (vgl. Dragojlo 2016). Eine ironische Resonanz dieses Vorschlages in den sozialen Netzwerken ließ jedoch ebenfalls nicht lange auf sich warten: So postete ein User ein Foto eines 500.000.000.000 Dinar-Scheines aus der Zeit der Hyperinflation der 1990er Jahre; dies genüge demnach als Erinnerung an das Wirken des ehemaligen Präsidenten.[vi]

Anhand dieses Beispiels lässt sich festellen, dass die serbische Erinnerungskultur ein Schauplatz konkurrierender Narrative ist. Durchaus differenziert fallen die Reaktionen heute auf die nationalistischen Narrative aus. Mit Assmann gesprochen zeigt sich jedoch auch, dass der „lange Schatten der Vergangenheit“ bis in die Gegenwart hineinreicht. Das Bedürfnis, sich von der (gefühlt zu unrecht auferlegten) Täterrolle, reinzuwaschen und die Vergangenheit richtig zustellen, ist allgegenwärtig. Dies zeigt auch die neue Popularität politischer Figuren wie Vojislav Šešil, Vorsitzender der Serbischen Radikalen Partei, dessen Freispruch vom ICTY von Teilen der Gesellschaft auch als kollektive Rehabilitierung aufgefasst wird. Das Insistieren auf der Rolle des ewig missverstandenen Opfers hat Tradition; als nützlicher Abwehrmechanismus gegenüber dem Eingeständnis von Schuld wird diese auch weiterhin gepflegt.

Auch in der heutigen Zeit des fortgeschrittenen europäischen Integrationsprozesses hat sich die serbische Gesellschaft noch nicht von der staatlich geförderten Geschichtspolitik der 1990er Jahre emanzipiert.

Titelbild: Überlebensgroße Werbeanzeige zum Zwecke weiblicher Rekrutierung, angebracht am Generalstabsgebäude in Belgrad. Als lieux de mémoir stehen – infolge des NATO-Bombardements von 1999 stark beschädigte – Gebäude mahnend im Hintergrund (Foto: Cyriakus Bräutigam).

 

Quellen

  • Assmann, Aleida (2004): soziales und kollektives Gedächtnis. (Unveröffentlichtes Manuskript). Fachbereich Literaturwissenschaft. Universität Konstanz. Online: https://www.litwiss.uni-konstanz.de/start/ [Zugriff: 30.07.2016].
  • Assmann, Aleida (2006): Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München: C.H. Beck.
  • Assmann, Jan (1988): Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. In: ders. / Hölscher, Tonio (Hrsg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt am Main, S. 9-19.
  • David, Lea (2014): Mediating international and domestic demands: mnemonic battles surrounding the monument to the fallen of the wars oft he 1990s in Belgrade. In: Nationalities Papers, 42:4, S. 655-673.
  • Dragojlo, Sasa (2016): Milosevic’s Old Allies Celebrate His ‚Innocence’. In: Balkan Transitional Justice, 16.08.2016. Online: http://www.balkaninsight.com/en/article/milosevic-s-old-allies-celebrate-his-innocence--08-16-2016 [Zugriff: 17.08.2016].
  • Dragović-Soso, Jasna (2010): Conflict, Memory, Accountability: What Does Coming to Terms with the Past Mean? In: Petritsch, Wolfgang / Džihić, Vedran (Hrsg.): Conflict and Memory: Bridging the Past and Future in [South East] Europe. Baden-Baden: Nomos, S. 29-46.
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Endnoten

[i] Die serbisch dominierte Republika Srpska ist eine der beiden Entitäten Bosniens und Herzegowinas.

[ii] http://www.telegraf.rs/vesti/2289152-naslovne-strane-sutrasnjih-novina-prelistavanje-stampe-za-5-avgust-2016 [Zugriff: 06.08.2016].

[iii] für eine ausführliche bosniakische und bosnisch-kroatische  Perspektive auf den Krieg in Bosnien und Herzegowina als Erinnerungsreferenz siehe Moll 2013.

[iv] Vlg. dazu ausführlich David (2014).

[v] Zeitpunkt: 03.07.2016. Für die Installation des Transparents ist die Organisation namens „Udruženje popdica kidnapovanih i nestalih na Kosuvu i Metohiji“ (Vereinigung der Familien der Entführten und Ermordeten in Kosovo und Metochien) verantwortlich.

[vi] https://twitter.com/hashtag/SpomenikSlobi?src=hash [Zugriff: 19.08.2016].

C. Bräutigam

Cyriakus Bräutigam studierte in Wien Internationale Entwicklung und Politikwissenschaft. Sein Forschungsinteresse gilt insbesondere den Transformationsprozessen Ost- und Südosteuropas, der europäischen Integration sowie Erinnerungskultur und Geschichtspolitik.

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