Die „Singende Revolution“

Die „Singende Revolution“

Die „Singende Revolution“

Der 23. August ist ein bedeutsames Datum für die baltischen Staaten. 1939 wurde an diesem Tag der Hitler-Stalin-Pakt abgeschlossen. Genau 50 Jahre später fand an diesem Tag die „Singende Revolution“ statt, als Menschen aus drei verschiedenen Ländern gemeinsam für die Unabhängigkeit ihrer Staaten demonstrierten und die in der Sowjetunion verbotenen Volkslieder sangen.

Die Unabhängigkeitsbewegung, auch als „singende Revolution“ bekannt, fand zwischen 1987 und 1991 statt. Nach fast 60 Jahren unter der sowjetischen Herrschaft begannen Menschen im Baltikum friedlich für ihre Freiheit und Rechte zu kämpfen. Nationalistische Stimmungen in drei Republiken fanden aber ihren Ausdruck nicht in der Politik, sondern in der Kultur, die weniger unter Druck der Zentralregierung stand. Lange Zeit war es in den baltischen Republiken verboten, eigene Traditionen offen zu zeigen. Menschen trafen sich und sangen heimlich ihre Volkslieder. Es war eine Form des Protestes.[1]

1988 kamen auch im Baltikum Glasnost und Perestroika an. Hoffnung keimte auf und erstmals hörte man die alten patriotischen estnischen Lieder auf dem Sängerfeld. Drei Musikfeste im Jahre 1988 bildeten den Kern der estnischen „singenden Revolution“. Das waren moderne Musikfeste, die alte Traditionen historischer Sängerfeste fortsetzten. Man sang insbesondere traditionelle Volkslieder, die der gemeinsamen kulturellen Vergangenheit dienten. Die Menschen hätten dafür ins Gefängnis geschickt werden können, aber das Ganze ging dann als „singende Revolution“ in die Geschichte ein. Diese Bewegung schwappte bald nach Lettland und Litauen über.

Bereits mitte der 1980er Jahre fanden im Baltikum zahlreiche Sängerwettbewerbe, Feste, Konzerte und Schauspiele statt, an denen Tausende von Teilnehmern und Zuschauern beteiligt waren. Liederfeste (estnisch laulupidu, lettisch dziesmu svētki und litauisch dainų šventė), finden in allen drei Baltenrepubliken statt. Die Gesangstradition im Baltikum ist alt und tief verwurzelt in den Kulturen der drei Länder.

Am 23. August 1989 bildeten singende Menschen eine Menschenkette von Tallin über Riga nach Vilnius, die das gesamte Baltikum miteinander verband. Der Demonstration, die auch als Baltischer Weg bezeichnet wird, lag ein Beschluss der Volksfrontvertretungen aus Estland, Lettland und Litauen zugrunde, die am 17. August ihre Ziele an internationale Organisationen und verschiedene Staaten übertrugen. Im Dokument ging es vor allem darum, dass die dauerwährende Annexion der baltischen Staaten ungesetzlich war. Die genaue Zahl der Beteiligten konnte zwar nicht genau erhoben werden, wird jedoch auf über eine Million geschätzt, was angesichts der 600 km langen Strecke zwischen der litauischen Hauptstadt ins estnische Tallinn durchaus glaubhaft erscheint.[2] Das war die größte Menschenkette der Geschichte.

2003 wurden die baltischen Lieder- und Tanzfeste als Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Kulturerbes der Menschheit anerkannt. Die großen Feste im Baltikum finden alle 5 Jahre statt. 2014, Bei dem letzten Sängerfest in Tallinn traten mehr als 30000 Sänger vor mehr als 150 Tausend Zuschauern auf. In diesem Jahr fand ein Sängerfest in Riga statt, auch mit mehr als 30 Tausend Teilnehmern. Dieses Jahr hatte das Fest eine besondere Bedeutung, weil Lettland und die anderen baltischen Staaten 100 Jahre Unabhängigkeit feierten.

[1] Muktupavels V. The «dangerous» folksongs: the neo-folklore movement of occupied Latvia in the 1980s // Popular music and human rights. Vol. II: World music / Ed. by I. Peddie. Birlington: Ashgate publishing company, 2011. P. 73.

[2] Ludwig K. Das Baltikum. Estland, Lettland, Litauen, München, 1992, S. 65f.

K. Sabanova

Kseniia Sabanova studiert Internationale Beziehungen an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg und steht kurz vor Ende ihres Bachelorstudiums. Als Copernicus-Stipendiatin studierte sie ein Semester Politikwissenschaften an der Universität Hamburg. Zurzeit engagiert sie sich ehrenamtlich beim Deutsch-Baltischen Jugendwerk und beschäftigt sich viel mit dem Baltikum. Zu ihren Interessenbereichen gehören Geschichte und Theorie der internationalen Beziehungen, Medienanalyse und deutsch-russische Beziehungen.

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