100 Jahre Republik Estland

100 Jahre Republik Estland

100 Jahre Republik Estland

Estland wird 100 – und das wird groß gefeiert. Die Esten feiern den hundertsten Jahrestag ihrer Republik mit aufwändigen Events, aber auch mit kleinen alltäglichen Gesten. 

Öffentliche Gebäude, Verkehrsmittel und Kaufhäuser werden großzügig mit blau-schwarz-weißen Flaggen geschmückt. Von so gut wie jedem Produkt gibt es eine „patriotische Variante“ zu kaufen. Alltägliche Lebensmittel wie Mehl, Butter und Milch sind in speziellen Editionen mit estnischer Flagge und anderen nationalen Symbolen wie schwarzen Schwalben oder blauen Kornblumen erhältlich. Wer die letzten Tage in Estland verbracht hat, weiß, dass diese Feierlichkeit für die Esten etwas ganz Besonderes ist.

Obwohl das estnische Territorium seit etwa 5000 Jahren von Esten besiedelt wird[1] und die estnische Sprache und Kultur tiefe historische Wurzeln hat, erlangte Estland erst am 24.2.1918 seine Unabhängigkeit. Zuvor stand es unter Fremdherrschaft von Deutschen, Russen, Polen, Schweden und auch Dänen. Dennoch gelang es dem kleinen baltischen Staat mit lediglich 1,3 Millionen Einwohnern vor hundert Jahren seine Unabhängigkeit zu erlangen. Es ist jedoch nicht ganz richtig von einem hundertjährigen Bestehen der estnischen Republik zu sprechen, denn seit 1918 kam es drei weitere Male zur Okkupation durch Fremdmächte: Im Jahr 1940 durch die Sowjetunion, im Jahr 1941 durch Nazi-Deutschland und 1944 ein weiteres Mal durch die Sowjetunion. Erst 1991 erlangten die Esten ihre Unabhängigkeit zurück, die bis heute andauert. Das großzügige Feiern der estnischen Unabhängigkeit ist somit nicht nur ein Ausdruck des Nationalstolzes, sondern auch eine Bekräftigung seiner Kontinuität trotz besonders widriger Umstände in der Vergangenheit.

Der estnische Nationalstolz kann vor dem Hintergrund schwieriger historischer Episoden verstanden werden. Patriotismus im estnischen Fall scheint keine offensichtlich aggressive oder expansive Dimension zu beinhalten, sondern vielmehr die simple Freude darüber, dass es einen estnischen Nationalstaat gibt. Die Freiheit, über sich selbst zu bestimmen, ist für die Esten nichts Selbstverständliches, denn das historische Gedächtnis ist von Okkupation und Fremdherrschaft geprägt. Dass die Unabhängigkeit den estnischen Bürgern wirklich ein Anliegen ist, wird auch durch die hohe Anzahl an nicht-staatlich organisierten Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag illustriert. Feste und Aktionen, die von Unternehmern, Künstlern und anderen Bürgern organisiert wurden, konnten sogar auf einer eigenen Website zum hundertjährigen Jubiläum eingetragen werden[2].

Auch von Seiten der EU wird die estnische Unabhängigkeit (und die der anderen baltischen Staaten) feierlich unterstützt. Zu Ehren wurde eine 2-Euro Gedenkmünze „100 Jahre Estland“ ausgegeben, daneben auch eine „100 Jahre Unabhängigkeit“-Münze als Gemeinschaftsausgabe mit Lettland und Litauen. Seit 2011 ist auch Estland Teil der europäischen Währungsunion und war somit der erste baltische Staat, der den Euro als Währung einführte (Lettland 2014, Litauen 2015).

Ein Feiertag wie dieser, an dem die estnische Nation und Kultur besonders unterstrichen wird, kann auch Anstoß sein, um über die kulturelle Identifikation der russisch-sprachigen Minderheit in Estland zu reflektieren. Aus der Forschung ist bekannt, dass sich vor allem in der jüngsten Generation der russisch-sprachigen Minderheit eine neue kulturelle Identifikation formt, nämlich die der russischen bzw. russisch-sprachigen Esten. Die jüngste Generation fühlt sich durchaus mit der estnischen Nation und Kultur verbunden, während sie kaum Kontakt zu Russland pflegt, sich aber dennoch der russischen Sprache bedient[3]. Diese Tendenzen sind je nach Wohnort, wie etwa unter der hauptstädtischen Bevölkerung gegenüber ländlicher Bevölkerung in Grenzgebieten, unterschiedlich ausgeprägt. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass es zu Veränderungen in dieser Hinsicht kommt. Obwohl klar ist, dass die Begehung der Unabhängigkeits-Feierlichkeiten sicherlich für die älteren Generationen der russisch-sprachigen Minderheit einen anderen Stellenwert als für die jüngere Generation oder ethnische Esten hat, gibt es keine großflächigen Spannungen oder gewaltsamen Zusammenstöße zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen.

 

Quellen:

[1] vgl. Lagerspetz, Mikko/Maier, Konrad. 2010. Das politische System Estlands. In: Ismayr, Wolfgang. 2010. Die politischen Systeme Osteuropas. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 79.

[2] https://www.ev100.ee/en

[3] Siehe z.B. Küün, Elvira. 2008. The Ethnic and Linguistic Identity of Russian-Speaking Young People in Estonia.

In: Trames, 12 (62/57), 2, 183–203.

Bildquelle: https://www.designtagebuch.de/100-jahre-estland

E. Zeis

Eva Zeis studierte Politikwissenschaft und Transkulturelle Kommunikation an der Universität Wien. Momentan studiert sie Internationale Beziehungen an der Tallinn University in Estland. Ihre Forschungsinteressen umfassen Demokratisierung, Friedens- und Konfliktforschung mit regionalem Schwerpunkt auf Ost- und Südosteuropa.

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