„Dauerkrisenherd“ und „Pulverfass“ sind zwei Substantive, die gerne zur Paraphrase des Balkans herangezogen werden. Sie beschreiben die konfliktreiche und gewaltvolle Vergangenheit und Gegenwart dieser Region im Südosten Europas, die in mehreren Kriegen mit zahllosen Toten ihre blutigen Höhepunkte fand. Als Auslöser für die Konflikte seit Ende des Zweiten Weltkriegs im ehemaligen Jugoslawien gelten ethnische und religiös-konfessionelle Unterschiede zwischen den südosteuropäischen Völkern. Die unüberwindbaren Gegensätze zwischen katholischen Kroaten, orthodoxen Serben und muslimischen Bosniaken sowie muslimischen Kosovo-Albanern hätten unweigerlich zu den Jugoslawienkriegen in den 1990er Jahren geführt. Einer Zeit in der nach dem Ende des Kommunismus in Europa allzu optimistische Stimmen wie der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama schon vom „Ende der Geschichte“[1] faselten.

Die simple Gleichung Unterschiede in Ethnizität und Konfession/Religion führen quasi-automatisch zu Konflikten und dann zu Kriegen vermag im jugoslawischen Fall die Ereignisse nur unzulänglich erklärbar zu machen. Aus Sicht einiger westlicher Politiker und Journalisten lagen die Gräueltaten in der rückständigen Mentalität der Balkanvölker begründet. Diese Meinung findet zweifellos bis heute Zustimmung. Zudem impliziert sie, dass entsprechende oder ähnliche Verbrechen im westlichen Europa sich nicht ereignen, könn(t)en und kriegerisch ausgetragene Konflikte[2] im „fortschrittlichen“ Teil Europas nicht existieren. Diese Wahrnehmung übersieht bewusst oder unbewusst im westlichen Teil Europas gelegene ethnische oder konfessionelle Konflikte. Prominentestes Beispiel hierfür liefert der Nordirlandkonflikt[3], aber auch Südtirol war lange Zeit von interethnischen Spannungen[4] geprägt.

Eine monokausale Erklärung für den Ausbruch des Jugoslawienkriegs in den frühen 1990er Jahren und die damit einhergehenden Gewaltexzesse gibt es nicht. Wie die ethnische und religiös-konfessionelle Situation im ehemaligen Jugoslawien, so waren auch die Gründe für seinen Zerfall divers. Der deutsche Südosteuropahistoriker Holm Sundhaussen verortet den Beginn der jugoslawischen Krise bereits in den 1960er Jahren als der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit einer neuen Realität wich[5]. Die Kohäsionskraft der jugoslawischen Teilrepubliken ließ durch die sukzessive Normalisierung in den Beziehungen zum West- als auch zum Ostblock immer stärker nach und ließ das inner-jugoslawische Nord-Süd-Gefälle[6] an Bedeutung zunehmen[7], wodurch auch die interethnischen Spannungen an Tragkraft (wieder) gewannen[8]. Der in den 1980er Jahren zunehmend geschürte Nationalismus – insbesondere seitens Slobodan Miloševićs – brachte das Fass dann endgültig zum Überlaufen. Die Toxizität des Nationalismus – auch außerhalb Südosteuropas – muss an dieser Stelle sicherlich nicht erläutert werden, doch gerade in Bezug auf die ethnische, kulturelle und religiös-konfessionelle Diversität auf dem Balkan birgt der Nationalismus eine enorme Sprengkraft.

Das moderne Verständnis einer Nation[9] erfordert gewisse Merkmale, die ihre Mitglieder von anderen Nationen (eindeutig) unterscheidet[10]. Diese Definitionsmerkmale sind variabel, die Angehörigen einer Nation müssen jedoch anhand dieser ein Bewusstsein ihrer Zusammengehörigkeit entwickelt haben[11]. Häufig angeführte Definitionsmerkmale zur Bestimmung einer Nation können Abstammung, Konfession/Religion oder (Norm-)Sprache sein[12]. Gerade die Existenz unterschiedlicher Konfessionen/Religionen und Sprachen lässt den Eindruck entstehen, dass es sich bei Nationen um uralte Gebilde handelt, doch die Zugehörigkeit zur gleichen Konfession oder Religion bzw. das Sprechen der gleichen Sprache sind nicht bzw. können nicht ausreichend sein, um einer gemeinsamen Nation anzugehören und Normsprachen sind zudem verhältnismäßig junge Produkte[13]. Im kroatischen und serbischen Fall gehen sie auf die in der ersten Hälfte des 19. Jh.s aktiven Sprachreformer Ljudevit Gaj und Vuk Karadžić zurück, zuvor beschränkte sich die Schriftlichkeit auf eine schmale lese- und schreibkundige Oberschicht, die sich jedoch zumeist einer Sakral- oder Verwaltungssprache (Kirchenslawisch, Latein, Osmanisch oder Deutsch) bediente[14]. Die Sprecher der einzelnen Sprachen definierten ihre Zugehörigkeit weniger über ihre Sprache oder Ethnie, sondern viel mehr über ihren jeweiligen Stand[15]. Die Bewusstseinsschranke, die Gruppen voneinander trennte, verlief bis zur „Erfindung“ – nicht „Entdeckung“! – der Nation vorrangig entlang sozialer Kriterien[16]. Plakativ gesprochen: ein kroatischer Bauer und ein kroatischer Adeliger verfügten bis zur Etablierung der Nation nicht aufgrund ihrer gemeinsamen Sprache über ein kroatisches Zusammengehörigkeitsgefühl[17]. Somit wird deutlich, dass es sich entgegen der Postulation nationalistisch gesinnter Politiker bei Nationen eben nicht um uralte mit historischer Kontinuität bestehende Kategorien handelt.

Jugoslawien verfolgte seinem Namen entsprechend das Ziel alle südslawischen Nationen – mit Ausnahme der Bulgaren – in einem Staatsgebilde zu vereinen. Jedoch war der Nationsbildungsprozess bei den jeweiligen Nationen unterschiedlich weit fortgeschritten. Während Slowenen, Kroaten und Serben ihren Prozess bereits abgeschlossen hatten, wurden Makedonier und Montenegriner erst 1945 als eigenständige Nationen anerkannt und die Bosniaken (auch: bosnische Muslime) sogar erst in den 1960er Jahren[18]. Mit mehr als 20 verschiedenen Nationen und Nationalitäten[19] stellte Jugoslawien neben dem europäischen Teil der Sowjetunion den ethnisch diversesten Staat Europas dar.

Die Frage, weshalb Menschen im zerfallenden Jugoslawien, die zuvor in (weitestgehend) friedlicher Eintracht koexistierten, scheinbar plötzlich mit unverhohlenem Hass und roher Gewalt aufeinander losgingen, ist absolut gerechtfertigt. Die Suche nach Antworten bedarf jedoch vorurteilsfreier Objektivität. Die Auslöser ausschließlich in der Unvereinbarkeit ethnischer und/oder religiös-konfessioneller Unterschiede sowie in der angeblich traditionell verankerten Wildheit und Grausamkeit der südslawischen Balkanvölker zu suchen, die sich manifestiert im „balkanische[n] Heldenideal […] [von] Widerstandswillen, Wehrhaftigkeit und patriarchalische[r] Dominanz“[20] in den Jugoslawienkriegen Bahn gebrochen hätten[21], ist nicht nur hochproblematisch, sondern verschleiert die wahren Ursachen. Die tatsächlichen Beweggründe unterliegen einem komplexen Geflecht aus ideologischen und soziökonomischen Erwägungen[22]. Warum ehemalige Nachbarn, Freunde oder Arbeitskollegen sich Formen schwerster Gewalt zufügen oder das Zufügen solcher Gewalt gutheißen ist meist das Resultat der Gleichung „Gewalt erzeugt Gegengewalt“: aus Rache für selbst erlebtes oder Angehörigen zugefügtes Leid erklären sich immer mehr Menschen bereit entweder selbst Gewalt kollektiv an der jeweils als Tätergruppe wahrgenommenen Ethnie zu verüben oder diese zu befürworten bzw. zu tolerieren[23]. Selbstverständlich ist dies keine Rechtfertigung für Gewalttaten egal an welcher Gruppe oder eine Relativierung dieser Gewalt, aber die Kenntnis ist notwendig, um Gewaltdynamiken kultur- und gesellschaftsunabhängig nachvollziehen zu können und um kollektive Schuldzuweisungen im Sinne einer Sippenhaft zu vermeiden. Gewalt ist ein kulturübergreifendes Problem, das in Extremsituationen wie der Krieg sie zweifelsfrei ist, seitens der kriegsführenden Parteien zum Erreichen der jeweiligen Ziele instrumentalisiert werden kann.

Die in den Jugoslawienkriegen verübten Verbrechen gegen die Menschlichkeit – wie das Massaker von Srebrenica bei dem mehr als 8000 muslimische Männer und Jungen ermordet wurden oder die Massenvergewaltigungen (zumeist) muslimischer Frauen – sind durch nichts zu rechtfertigen und machen deutlich zu welchen Ungeheuerlichkeiten der Mensch fähig ist. Inwiefern tatsächliche für die Balkankulturen spezifische Muster die Verbrechen der Jugoslawienkriege mittelbar oder unmittelbar bedingt haben, kann mit fundierter und angemessen formulierter Evidenz durchaus diskutiert bzw. untersucht werden. Eine heuristische Reduktion der in den Jugoslawienkriegen stattgefundenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf eine vermeintlich exklusiv balkanische/südosteuropäische Gewalttradition ist jedoch zur Aufarbeitung der stattgefundenen Verbrechen und zur Prävention potentiell künftiger Verbrechen in den post-jugoslawischen Gesellschaften nicht zielführend, da sie die komplexe Gemengelage von individuellen und kollektiven Faktoren untergräbt und eher dem westeurozentrischen Narrativ der inhärenten Rückständigkeit des Balkans dienlich ist.

 

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Quellen:

Bonacker, Thorsten / Imbusch, Peter, Zentrale Begriffe der Friedens- und Konfliktforschung: Konflikt, Gewalt, Krieg, Frieden, in: Imbusch / Ralf Zoll (Hgg.), Friedens- und Konfliktforschung. Eine Einführung. Wiesbaden 52010, 67–142.

Calic, Marie-Janine, Der Krieg in Bosnien-Hercegovina. Ursachen – Konfliktstrukturen – Internationale Lösungsversuche. Frankfurt/M. 1995.

Imbusch, Peter, Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien – ein Überblick, in: ders. / Ralf Zoll (Hgg.), Friedens- und Konfliktforschung. Eine Einführung. Wiesbaden 42006, 143–178.

Melčić, Dunja, Rückblick auf den Krieg im Lichte neuerer Veröffentlichungen und manche offene Fragen, in: dies. (Hg.), Der Jugoslawien-Krieg. Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen. Wiesbaden ²2007, 517–549.

Meyer, Berthold, Ethnische und kulturelle Zugehörigkeiten als Konfliktursachen und wie mit ihnen umgegangen werden kann, in: Imbusch / Zoll (Hgg.), Friedens- und Konfliktforschung, 2010, 335–384.

Sundhaussen, Holm, Experiment Jugoslawien. Von der Staatsgründung bis zum Staatszerfall. Mannheim u.a. 1993.

Weiterführende Literatur zu Jugoslawien:

Calic, Marie-Janine, Geschichte Jugoslawiens. München 2018.

Melčić, Dunja (Hg.), Der Jugoslawien-Krieg. Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen. Wiesbaden ²2007.

Sundhaussen, Holm, Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011. Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen. Köln, Weimar, Wien 2014.

Dokumentationen:

Balkan in Flammen. Pulverfass Jugoslawien, dreiteilige Dokumentation, verfügbar in der Mediathek des ZDF unter: <https://www.zdf.de/video/dokus/balkan-in-flammen-114/balkan-in-flammen-pulverfass-jugoslawien-102>, 15.5.2025.

Jugoslawienkriege: Konflikte ohne Ende?, MrWissen2go Geschichte, 27.2.2020, unter: <https://www.youtube.com/watch?v=bUNXTzadFP4>, 15.5.2025. Kurze und prägnante Übersicht.

Referenzen:

[1] Siehe: Francis Fukuyama, The End of History and the Last Man. New York 1992. Deutsche Übersetzung: Das Ende der Geschichte, übers. von Helmut Dierlamm / Karlheinz Dürr / Ute Mihr. Hamburg 2022.

[2] Der Begriff „Konflikt“ leitet sich vom lateinischen Verb confligere ab, was transitiv mit „zusammenstoßen“ oder „-schlagen“ bzw intransitiv mit „aneinandergeraten“ oder „im Streit liegen“ übersetzt werden kann (vgl. Peter Imbusch, Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien – ein Überblick, in: ders. / Ralf Zoll (Hgg.), Friedens- und Konfliktforschung. Eine Einführung. Wiesbaden 42006, 143–178, 146). Generell existiert keine eindeutige Definition von „Konflikt“ und auch keine universelle Konflikttheorie (vgl. Thorsten Bonacker / Peter Imbusch, Zentrale Begriffe der Friedens- und Konfliktforschung: Konflikt, Gewalt, Krieg, Frieden, in: Imbusch / Ralf Zoll (Hgg.), Friedens- und Konfliktforschung. Eine Einführung. Wiesbaden 52010, 67–142, 67–68). Die gängigste Definition beschreibt Konflikte als „soziale Tatbestände, an denen mindestens zwei Parteien (Einzelpersonen, Gruppen, Staaten etc.) beteiligt sind, die auf Unterschieden in der sozialen Lage und/oder auf Unterschieden in der Interessenkonstellation der Konfliktparteien beruhen“ (ebenda, 69). Auch für den Begriff „Krieg“ existiert keine einheitliche Definition.  Das Heidelberger Institut für internationale Konfliktforschung (HIIK) definiert Krieg folgendermaßen: „Formen [des] gewaltsamen Konfliktaustrags, in denen mit einer gewissen Kontinuität organisiert und systematisch Gewalt eingesetzt wird. Die Konfliktparteien setzen, gemessen an der Situation, Mittel in großen Umfang ein. Das Ausmaß der Zerstörung ist nachhaltig“ (Berthold Meyer, Ethnische und kulturelle Zugehörigkeiten als Konfliktursachen und wie mit ihnen umgegangen werden kann, in: Imbusch / Zoll (Hgg.), Friedens- und Konfliktforschung, 2010, 335–384, 338, Fn. 3). Grundsätzlich lassen sich Kriege in „Antiregime-Kriege“, deren Motivation (primär) machtpolitisch ist, und „Autonomie- und Sezessionskriege“, bei denen um (größere) regionale Autonomie innerhalb eines Staatsverbandes oder die vollständige Sezession aus einem Staatsverband gekämpft wird, einteilen (vgl. Ebenda, 338).

[3] Zum Nordirlandkonflikt, siehe: Frank Otto, Der Nordirlandkonflikt. Ursprung, Verlauf, Perspektiven. München 32014; Bernhard Moltmann, Friedensprozesse: Im Krieg mit dem Frieden beginnen. Das Beispiel von Nordirland, in: Berthold Meyer (Hg.), Konfliktregelung und Friedensstrategien. Eine Einführung. Wiesbaden 2011, 163–182.

[4] Zu Südtirol, siehe: Gudrun Keifl, Kollektivrecht vs. Individualrecht im Europäischen Minderheitenschutz. Analyse der Bedeutung für die konstruktive Transformation von Minderheitenkonflikten am Fallbeispiel Südtirol, in: Meyer (Hg.), Konfliktregelung und Friedensstrategien, 403–426.

[5] Vgl. Holm Sundhaussen, Experiment Jugoslawien. Von der Staatsgründung bis zum Staatszerfall. Mannheim u.a. 1993, 116.

[6] Der erste „jugoslawische“ – also südslawische (jug bedeutet auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch/Montenegrinisch „Süden“) – Staat wurde am 1. Dezember 1918 als „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ gegründet und 1929 in „Königreich Jugoslawien“ umbenannt und vereinigte sowohl ehemals habsburgische als auch ehemals osmanische Gebiete (vgl. Marie-Janine Calic, Der Krieg in Bosnien-Hercegovina. Ursachen – Konfliktstrukturen – Internationale Lösungsversuche. Frankfurt/M. 1995, 11). Nach dem deutschen Überfall am 6. April 1941 wurde der jugoslawische Staat zerschlagen und 1946 als sozialistische Bundesrepublik neugründet, wobei sich der Staat in sechs Republiken (Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro und Makedonien) und zwei autonome Provinzen (Kosovo und Vojvodina) gliederte (vgl. Ebenda, 14–15). Die unterschiedliche historische Prägung machte sich auch auf wirtschaftlicher Ebene deutlich: während der nordwestliche Teil sozioökonomisch fortgeschritten war, war der Südosten Jugoslawiens deutlich ärmer (vgl. Ebenda, 13).

[7] Vgl. Dunja Melčić, Rückblick auf den Krieg im Lichte neuerer Veröffentlichungen und manche offene Fragen, in: dies. (Hg.), Der Jugoslawien-Krieg. Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen. Wiesbaden ²2007, 517–549, 519.

[8] Vgl. Sundhaussen, Experiment Jugoslawien, 116–117.

[9] Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit beschrieb der lateinische Begriff natio Personengruppen, die qua Erbrecht oder bestimmter Privilegien einem Stand angehörten. Dabei waren ethnische Herkunft oder Sprache von nachgeordneter Bedeutung oder völlig belanglos (vgl. Sundhaussen, Experiment Jugoslawien, 13).

[10] Vgl. Ebenda, 11.

[11] Vgl. Ebenda.

[12] Für den Begriff der Nation nach heutigem Verständnis existiert kein verbindlicher Kriterienkatalog, denn die zur Unterscheidung von Nationen herangezogenen Kriterien können von Fall zu Fall variieren (vgl. Calic, Der Krieg in Bosnien-Hercegovina, 20). Der deutsche Historiker Peter Alter definiert Nation folgendermaßen: „eine soziale Gruppe (ein Volk bzw. die Schicht eines Volkes), die sich aufgrund vielfältiger historisch gewachsener Beziehungen sprachlicher, kultureller, religiöser oder politischer Art ihrer Zusammengehörigkeit und besonderen Interessen bewußt [sic!] geworden ist. Sie stellt die Forderung nach politischer Selbstbestimmung oder hat diese Forderung im Rahmen eines Nationalstaates bereits verwirklicht“ (Peter Alter, Nationalismus. Frankfurt/M. 1985, 23, zitiert nach: Calic, Der Krieg in Bosnien-Hercegovina, 20).

[13] Vgl. Sundhaussen, Experiment Jugoslawien, 12; Calic, Der Krieg in Bosnien-Hercegovina, 21. Zur Veranschaulichung der mangelnden Qualifikation von gemeinsamer Sprache oder Konfession/Religion zur Bestimmung einer Nation sei auf den deutschen Fall hingewiesen: Deutsch wird außerhalb Deutschlands auch in Österreich und Liechtenstein als Amtssprache und in der Schweiz, Belgien und Luxemburg als Amtssprache neben weiteren gesprochen, dennoch begreifen sich Deutschsprachige in den genannten Ländern nicht als Deutsche. Ferner gab es bei der Genese der deutschen Nation keine gemeinsame Konfession, sondern sowohl Katholizismus als auch Protestantismus. Auch im jugoslawischen Fall erwiesen sich weder gemeinsame Sprache noch gemeinsame Konfession als stringente nationale Abgrenzungskriterien. So sind Slowenen und Kroaten beide katholischer Konfession, sprechen jedoch mit Slowenisch bzw. Kroatisch zwei distinkte südslawische (Standard-)Sprachen und Kroaten, Serben, Bosniaken und Montenegriner sprechen heute zwar als souverän anerkannte Sprachen, die jedoch aufgrund der geringfügigen linguistischen Distinktionsmerkmale de facto eine gemeinsame Kommunikationsgrundlage darstellt, jedoch gehören sie unterschiedlichen Konfessionen/Religionen – Kroaten: Katholizismus; Serben und Montenegriner: Orthodoxie; Bosniaken: Islam – an (vgl. Calic, Der Krieg in Bosnien-Hercegovina, 22–23). Auch das Kriterium der Abstammung verfügt über keine universelle Funktion zur Bestimmung einer Nation. Dies wird insbesondere an Einwanderergesellschaften wie den USA oder Australien deutlich, die trotz diversester ethnischer Hintergründe ein Nationsverständnis besitzen (vgl. Sundhaussen, Experiment Jugoslawien, 15).

[14] Vgl. Ebenda, 12.

[15] Vgl. Ebenda, 13.

[16] Vgl. Ebenda.

[17] Vgl. Ebenda, 12.

[18] Vgl. Ebenda, 9–11.

[19] Vgl. Calic, Der Krieg in Bosnien-Hercegovina, 11.

[20] Ebenda, 140. Die deutsche Südosteuropahistorikerin Marie-Janine Calic merkt korrekt an: „Jede Gesellschaft hält ein Reservoir an Menschen parat, die aufgrund ihrer psychischen Dispositionen zu Gewalthandlungen tendieren. Überall gibt es Personen, die demütigende Erfahrungen, Einschränkungen, Kränkungen und andere Frustrationen durch narzißtische [sic!] Aggressionslust kompensieren“ (ebenda, 143).

[21] Vgl. Ebenda, 139–140.

[22] Vgl. Ebenda, 141–143.

[23] Vgl. Ebenda, 141.