Zeichen guten Journalismus?

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Zeichen guten Journalismus?

Die Berichterstattung der NZZ über salafistische Gemeinschaften in Bosnien

Viel wird geschrieben (und gedruckt) über die Entwicklungen des Islam in Bosnien. Bislang galt der Islam in Bosnien in den westlichen Medien als weltoffen und liberal, heutzutage werde „dieser“ Islam in Bosnien aber durch den vermeintlichen Einfluss ehemaliger Mujaheddin und einem exportierenden Wahabismus herausgefordert. Im Zentrum der Debatten stehen Dörfer, in denen Männer und Frauen in salafistischen Gemeinschaften leben.

Innert zweier Monaten, im September und November 2016, erschienen diesbezüglich in der NZZ zwei Artikel mit gänzlich unterschiedlichen Auffassungen.

In „Die Wiege des europäischen Jihad – Gotteskrieger in Bosnien“ beschreibt Christian Weisflog den Einfluss ehemaliger ausländischer Mujaheddin auf den Islam in Bosnien. Sie, die in just diesen salafistischen Gemeinschaften leben, werden der Rekrutierung bezichtigt, ihnen (und in einem Nebensatz angefügt die „mit ihnen verbandelte ‚Hilfsorganisationen‘ aus der Golfregion“) werde die Schuld am Problem einer vermeintlichen Radikalisierung der islamischen Gesellschaft zugewiesen, die Bosnien zur „Wiege des europäischen Jihad“ hochstilisieren. Die bosnische Politik habe dagegen bislang keine Gegenstrategie zu bieten. Um ein wenig feiner zu unterscheiden, hätte man ja zum eigenen Blatt greifen können, um auch auf eine andere Sichtweise aufmerksam zu werden. Dieser angesprochene Artikel erschien nämlich als zweiter der beiden.

In „Der Pietist aus Osve – Salafismus in Bosnien“ von Andreas Ernst wird das berüchtigte Bild dieser Dorfbewohner entstigmatisiert, indem darauf verwiesen wird, dass diese Leute schlicht als Aussteiger ihre Ruhe suchen. Es wird klargemacht, dass die wenigsten zu Gewalt bereit seien, und aufgrund derer der Großteil keine Ruhe finden kann. Von Seiten der Politik (zudem geschürt durch die mediale Berichterstattung) wird mit Überwachung und Razzien reagiert. Das gegenseitige Misstrauen ist groß geworden.

Bedenken Sie, werter Leser, ob es nicht auch verständlich sei, ob Mensch nicht eine Abneigung gegen diejenigen entwickelt, die einem ständig auf die Füße treten. Das soll keineswegs heißen, dass ich Gewalt befürworte, es soll als eine Mahnung verstanden werden, die Schuldfrage zu überdenken, sowie nicht von wenigen auf alle zu pauschalisieren und eine Gruppe von vorne weg zu dämonisieren. Allen voran kann soziale Deklassierung zu Radikalisierung und Gewalt führen. Es ist dies ein Teufelskreislauf, indem Feindbilder zugeschoben und Ängste geschürt werden, wodurch durch gegenseitige Nadelstiche ein Konflikt heraufbeschworen wurde, den es in dieser Form eigentlich nicht geben darf.

In einer angehängten Informationsbox zum „Islam in Bosnien-Herzegowina“ wird darauf verwiesen, wie bedeutsam der Einfluss des arabischen Wahabismus auf den Islam in Bosnien sei. Es mag sein, dass sich Araber in Bosnien niederlassen, doch diese bleiben großteils unter sich, was auf Freiwilligkeit wie auch auf gegenseitiger Skepsis beruht, insofern diese Gruppen einer jeweils anderen Glaubensschule angehören und sich in ihrer religiösen Prägung unterscheiden (sozioökonomische Gegensätze nicht berücksichtigend).

Es ist ein Zeichen guten Journalismus sich nicht auf eine Seite festzulegen, was der NZZ mit der Berichterstattung über salafistische Gemeinschaften in Bosnien (ob beabsichtigt oder nicht) tatsächlich gelingt; da jedoch schon über Dritte (bosniakische Salafisten) geschrieben wird, sollen sich die Schreibenden einer Zeitung, die Anspruch auf kritische Meinungsbildung erhebt, verpflichtet sehen, sich um mehr sachliche (und begriffliche) Differenzierung bemühen.

 

Quellen:

Ernst, Andreas (2016): Der Pietist aus Osve. Salafismus in Bosnien. In: Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 12.09.2016. Online verfügbar unter https://www.nzz.ch/international/europa/salafismus-in-bosnien-der-pietist-aus-osve-ld.116126, zuletzt geprüft am 06.02.2017.

Weisflog, Christian (2016): Die Wiege des europäischen Jihad. Gotteskrieger in Bosnien. In: Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 07.11.2016. Online verfügbar unter https://www.nzz.ch/zuerich/aktuell/gotteskrieger-in-bosnien-die-wiege-des-europaeischen-jihad-ld.126693, zuletzt geprüft am 06.02.2017.

M. C. Mariacher

Markus Christopher Mariacher hat an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck und der Universität Wien das Fach Politikwissenschaft studiert. Er setzt sich derzeit mit seiner Doktorarbeit auseinander. Sein derzeitiger Forschungsschwerpunkt gilt dem Horn von Afrika, der politischen Ikonographie und der Machtvisualisierung im öffentlichen Raum. Doch auch der „Osten“ hat ihn in den Bann gezogen. Seine Neugier umfasst hier kulturelle wie politische Themen, mit Länderschwerpunkten auf Russland, Ungarn und Bosnien-Herzegowina.

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