Konflikt in der Westukraine? Transkarpatien im eigenen Spannungsfeld

Konflikt in der Westukraine? Transkarpatien im eigenen Spannungsfeld

Konflikt in der Westukraine? Transkarpatien im eigenen Spannungsfeld

Wenn es um die Krise in der Ukraine geht, wird sofort an den Osten des Landes gedacht. In der Tat ist der Krieg zwischen der Ukraine und Russland leider immer noch ein ungelöster Konflikt, der im Mittelpunkt aller Sorgen steht und stehen muss. In einer weniger extremen und expliziten Form passiert allerdings eine ähnliche Situation auch im Westen des Staates: Das Gebiet Transkarpatien, das an Ungarn grenzt, lässt sich nur schwer als Teil der Ukraine begreifen.

Wenn man in die Karpatenukraine kommt, ist man davon erstaunt, dass in manchen Bezirken Ukrainisch gar nicht verstanden wird. Die Sprachfrage in der Ukraine war immer sehr akut, aber vor allem in Bezug auf Russisch. Auch in weltlichen Maßstäben gibt es kaum jemanden, der von der durch die russische Sprache stark geprägten Polarisierung zwischen Osten und Westen des Landes nicht bewusst ist, dass die mögliche Verdrängung der ukrainischen Sprache durch das Ungarische im Westen des Landes und daher eine potenzielle Abtrennung des Territoriums, durchaus eine andere Herausforderung zu sein scheint, die seit langem übersehen wurde und nun an Aktualität zu gewinnen beginnt.

Das Problem ist vielleicht noch größer als mit Russisch, denn jene UkrainerInnen, die Russisch sprechen, können zumindest Ukrainisch. In bestimmten Regionen der Karpatenukraine wird die nationale Sprache jedoch gar nicht verstanden. UkrainerInnen aus anderen Teilen des Landes, die im Urlaub in Transkarpatien sind, sind manchmal dazu “gezwungen”, auf Englisch, seltener auf Russisch zu sprechen, um mit den lokalen Einwohnern überhaupt reden zu können. Nur mit älteren Menschen kann man sich mehr oder weniger auf Ukrainisch verstehen, die Jugendlichen sprechen aber nur Ungarisch. Ob unter solchen Bedingungen überhaupt von einer ukrainischen Identität die Rede ist, ist schwer zu sagen. Es scheint so auszusehen, als ob es nur eine Frage der Zeit wäre, bis dieses Gebiet in ein grösseres Spannungsfeld zwischen Ungarn und der Ukraine gerät.

Die Frage ist nun: “Wie ist es dazu gekommen?”

Historisch betrachtet, ist es so, dass viele Ungarn in Transkarpatien beheimatet waren und immer noch sind. Sie bilden 12 Prozent der transkarpatischen Bevölkerung. Ein Bezirk (Berehowe) wird sogar als die “ungarische Hauptstadt” bezeichnet. Dort ist fast die Hälfte der Bewohner ungarischer Herkunft. Um sie zu unterstützen, kümmert sich die ungarische Regierung darum, die sprachliche und kulturelle Bindung der Ungarn zu ihrer ethnischen Heimat aktiv zu entwickeln und aufrechtzuerhalten - es gibt ungarische Hochschulen, Gesellschaftsorganisationen, Parteien. Periodika, Radio- und Fernsehsendungen [3]. Schilder sind meist auf Ukrainisch und Ungarisch, zudem besitzen rund 100.000 Menschen noch offiziell die ungarische Staatsbürgerschaft. Mehr noch, ist es keine Seltenheit, dass ungarische neben ukrainischen Flaggen gehisst sind, sogar auf Verwaltungsgebäuden [1].

Die meisten Kinder und Jugendlichen gehen in ungarischen Schulen, die es in Tanskarpatien gibt, oder überqueren jeden Tag die nahe liegende Grenze und lernen dort in Ungarn. Wenn doch eine der wenigen ukrainischen Schulen in dieser Region besucht wird, wird dort auch meistens auf Ungarisch unterrichtet, während Ukrainisch nur nebenbei, eher als eine Fremdsprache erlernt wird. Die Menschen bevorzugen eine ungarische Ausbildung, denn nach dem Abschluss sehen die Chancen, eine Arbeit im EU-Raum zu bekommen und überhaupt eine Arbeit zu finden viel besser aus. Das Problem liegt darin, dass die politische und ökonomische Situation in der Ukraine keinen Grund dafür lässt, weshalb die UkrainerInnen nicht lieber in ungarischen Schulen gehen, lieber in Ungarn arbeiten oder lieber die ungarische Staatsbürgerschaft annehmen sollten.

Wenn es in der Ukraine genug Arbeitsmöglichkeiten gäbe, wenn die Preise mit dem mittleren Einkommen übereinstimmen würden und wenn es in der Ukraine tatsächlich Diplome existieren würden, die einen Arbeitsplatz sichern könnten, dann gäbe es auch keine Notwendigkeit nach einem besseren Leben zu suchen. Doch die aktuelle Lage entspricht dieser Vorstellung nicht und daher sind die Vorteile des EU-Raums offensichtlich.

Wie dem auch sei, wohin diese gesamte Gemengelage führen kann, ist für mich als Ukrainerin schrecklich vorzustellen. Von der ungarischen Partei “Jobbik” gab es beispielsweise schon Aussagen darüber, eine ungarisch-russinische Autonomie zu schaffen und obwohl es jetzt keine aktive und allgemeine Bewegung in dieser Richtung gibt, ist eine Autonomie der Region oder ein Beitritt zu Ungarn eine potenzielle Gefahr für die Ukraine [3].

Auf der Ebene der diplomatischen Ukraine-Ungarn-Beziehungen kommt es wegen der Transkarpatien immer wieder zu Auseinandersetzungen. Eine große Resonanz hat das ukrainische Bildungsgesetz von 2017 hervorgerufen. Nachdem die Schüler dieser Gebiete die schlechtesten Ergebnisse in ukrainischer Sprache bei der Reifeprüfung gezeigt haben, hat die ukrainische Regierung beschlossen, dass es ab 2018 in allen Schulen ab der fünften Klasse nur noch auf Ukrainisch unterrichtet werden soll. Nach dem Gesetz wäre es nur noch in Grundschulen erlaubt, den Unterricht komplett in der Sprache der Volksminderheiten durchzuführen und bis zur 5. Klasse müssten dann die ungarischen Schüler Ukrainisch lernen. Die Idee dahinter war, eine gründliche Reform der ukrainischen Schulen, was aber zur Auslösung einer Staatskrise beitrug. Die Reaktionen seitens Budapests waren radikal. Der ungarische Außenminister Peter  Szijjártó nannte das Vorhaben der ukrainischen Regierung "beschämend und beleidigend" und warnte, dass “…dieser Schritt die Ukraine teuer zu stehen kommen wird” [2].

In Transkarpatien kam es auch zu Protesten. Einer der Anführer der ungarischen Minderheit und Abgeordneter des Rats des Regierungsbezirks Transkarpatien Josyf Borto besorgte im Jahr 2017 Tafeln mit Überschriften wie “Willkommen bei den Ungarn” an der Grenze zu zwei transkarpatischen Bezirken. Als Folge wurden er und sein Kollege Mychajlo Towt wegen separatistischen Tendenzen beschuldigt. Die Tafeln wurden zerstört [1]. Das Problem ist aber immer noch nicht überwunden. Im Endeffekt wurde das Gesetz an ungarischen Schulen in der Ukraine nicht umgesetzt und jetzt arbeitet das ukrainische Bildungsministerium auf dessen Verfeinerung, um die Interessen beider Seiten möglichst völlig zu berücksichtigen.

Die Konfrontation mit der ungarischen Regierung bleibt aber weiter scharf. Auf einer Seite, glaubt die ungarische Regierung, dass die ungarische Minderheit in ihren Rechten beschränkt wird, auf der anderen Seite muss die Ukraine in der Zeit der Zerrissenheit des Landes alles Mögliche für die Einigung des Volkes machen. Es muss nach einer Ausgewogenheit gesucht werden. Für die Ukraine stehen dabei 2 wichtige Aufgaben bevor: Erstens, ein Kompromiss mit Ungarn finden und der ungarischen Minderheit alle Möglichkeiten bereitstellen, sich in die ukrainische Gesellschaft integrieren zu können, seitens der Ungarn ist es aber notwendig, diese Integration zu akzeptieren und nicht über die Notwendigkeit einer Autonomie des Gebiets zu sprechen. Mit einem weiteren Blick in die Zukunft bedroht die Autonomie die Abtrennung des Territoriums. Es sollte aber um die Integration der Ungarn und nicht um die Schaffung des Ungarns auf dem ukrainischen Territorium gehen. Zweitens, muss die Ukraine als Land selbst mit ihren BürgerInnen perspektivoll umgehen, damit die Chancen, eine ungarische Staatsbürgerschaft zu bekommen und auch in Ungarn zu arbeiten nicht mehr als attraktiver betrachtet wird, als in der Heimat das Leben zu gestalten. Dabei ist vor allem die Korruption zu bekämpfen, aber man muss auch an die Qualität des Studiums, an die Schaffung ausreichender Arbeitsplätze und an entsprechende Einkommen für UkrainerInnen denken, damit sie nicht mehr unter der Armutsgrenze leben müssten.

Zu einer raschen Lösung wird es aber nicht bald kommen, insbesondere deshalb, weil die gesellschaftspolitischen Umstände, ein Anpacken dieses Problem verhindern. Der Krieg im Osten führt scheinbar dazu, dass dieser Teil der Ukraine vergessen wird. Allerdings ist das Erkennen des Problems schon halbwegs ein guter Ansatz, eine Überwindung einzuleiten. Die Tendenz des letzten Jahres, dem Gebiet Transkarpatien mehr Aufmerksamkeit in der Ukraine zu schenken und sich mit den Schwierigkeiten zu beschäftigen, mögen viel versprechend sein.

 

Quellen:

  1. Ost Blogger. In: https://www.mdr.de/heute-im-osten/ostblogger/ukraine-wie-ungarisch-ist-transkarpatien-100.html
  2. Stern. In: https://www.stern.de/politik/ausland/ukraine
  3. Ukraine Crisis. Media Center. In: http://uacrisis.org/de/61735

Foto:

Ukraine Crisis. Media Center. In: http://uacrisis.org/de/61735

A. Lazuka

Anastasiia Lazuka studiert zurzeit “Publizistik- und Kommunikationswissenschaft” an der Universität Wien und macht zugleich ein Fernstudium in „Journalismus“ in der Ukraine. Während des bewaffneten Konflikts im Osten ihrer Heimat und des starken “informationellen” Kriegs hat sich ihre Wille gefestigt, Fachkompetenzen im Bereich Medien zu erwerben. In ihrem Studium im Ausland sieht sie jetzt die Möglichkeit das Beispiel einer echten demokratischen europäischen Gesellschaft zu beobachten und die Organisation und Arbeit, nicht korrumpierter Medien zu erlernen. Anastasiia Lazuka macht zurzeit das Praktikum beim FOMOSO, weil sie die Aktualität und Relevanz der Ukraine-Krise in die europäische Berichterstattung zurückbringen will, um damit zur Frieden, Sicherheit und Integration Europas beizutragen.

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