Der Tag der Unabhängigkeit der Ukraine: Gibt es tatsächlich einen Grund zum Feiern?

Der Tag der Unabhängigkeit der Ukraine: Gibt es tatsächlich einen Grund zum Feiern?

Der Tag der Unabhängigkeit der Ukraine: Gibt es tatsächlich einen Grund zum Feiern?

Am 24. August wird der 27. Jahrestag der Proklamation der Unabhängigkeit in der Ukraine gefeiert. Wie jedes Jahr sind zahlreiche Veranstaltungen an dem Tag geplant - vor allem die traditionelle Militärparade und feierlichen Reden von Offiziellen. Ob aber aufgrund der Umstände des russischen Angriffs und der sogenannten „antiterroristischen Operation“ im östlichen Teil der Ukraine die Unabhängigkeit gefeiert werden kann ist sehr fraglich.

Im Folge der Tradition

Volkskleidung, ukrainische Fahnen überall, seelenvolle Lieder über die Freiheit und den lang erwarteten Sieg, das Auflegen der Blumen an Denkmälern der ukrainischen Helden und das Beten für das Mutterland bringen eine patriotische Stimmung zum Ausdruck, die im ganzen Jahr nur am 24. August so vorkommt. In ihren Herzen fühlen sich aber Ukrainer und Ukrainerinnen gar nicht so glücklich. Der Tag, der früher mit großer Freude gefeiert wurde, wird nun mit Trauertränen begleitet.

Im Hinblick auf die Geschichte

Im Jahre 1991, nach dem Augustputsch in Moskau, war die UdSSR in Auflösung begriffen. Damals schon tendierten freilich viele UkrainerInnen zur Unabhängigkeit ihres Landes mit dem Motto: „Wir  können uns in der Unabhängigkeit weitaus besser entfalten, weil wir besser arbeiten und wirtschaften können als die Russen, weil wir große Betriebe haben, Kohlegruben und gute Böden, denn schließlich galt die Ukraine als die Kornkammer der UdSSR.“ Man wollte sich unbedingt gegenüber Russland etablieren und nicht mehr als Kleinrussen wahrgenommen werden. [2]

Kurz nach der Auflehnung im gleichen Jahr, versammelte das Parlament der Ukrainischen Sowjetrepublik in Kyiv und verabschiedete eine Unabhängigkeitserklärung, die am 1. Dezember mit 90% der Volksabstimmung bestätigt wurde. [3] Damit hat die Geschichte der freien Ukraine begonnen oder präziser gesagt die „formelle“ Freiheit, weil die tatsächliche Unabhängigkeit war und ist immer noch lange nicht ganz in Sicht.

Die seit ewig nicht getroffene Entscheidung

Seit 27 Jahren wankt die Ukraine zwischen der „Westorientierung“ bzw. einer Integration in die Europäische Union und einer „Russlandorientierung“ (eine starke politische Orientierung zu Russland) [1]. Während das ukrainische Volk ihre pro-europäische Wahl schon mehrmals gezeigt und bestätigt hat, scheint die  Regierung immer noch im Zweifel zu sein.

Die Orange Revolution im Jahre 2004 und die Revolution der Würde im Jahre 2014 waren die zwei größten Versuche der Ukrainer und Ukrainerinnen dem sowjetischen Bewusstsein entgegenzuwirken und das korrupte Handeln der Abgeordneten zu verhindern. Ob sich aber wirklich etwas verändert hat, ist schwer zu beurteilen. Zwar versucht das Parlament Fortschritte in Richtung europäischer Näherung und europäischer Standards zu machen, doch scheint aber alles noch sehr unsicher und unstabil zu sein. Es wird nach dem Bild des äußeren Wohlstands gestrebt, wobei das Kernproblem gleich bleibt: Eine alte Generation von Politikern mit stark ausgeprägten sowjetischen Denkweise ist (immer noch) an der Macht. Sie verhindert die Entwicklung des Landes, vergeudet Hilfsversuche seitens der EU und beraubt das eigene Volk. Wenn es weiter so gehen wird, ist das Risiko für die Ukraine hoch, dass sie ihren „Rettungsring“ Europa verliert, denn nach mehreren Kreditauszahlungen, aber schwachen positiven Entwicklungen dafür, wird es bald keine richtige Motivation mehr geben, dem Problem-Land weiter zu helfen und zu unterstützen.

Die wahre Ukraine heute

Nach dem Vizepräsidenten des Verbandes für internationale Politik und Völkerrecht Manfred Schünemann, der sich viel mit der Frage der Entwicklung in der Ukraine beschäftigt, befindet sich die Ukraine jetzt in der tiefsten Krise seit der Unabhängigkeit. In seinem Buch „Zerbricht die Ukraine?“ kommt er zu der Schlussfolgerung, dass die Stabilisierungsversuche des Staates in der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf niedrigem Niveau sind. Die Illusionen der Bürger und Bürgerinnen waren erheblich [4]. Leider ist es schwer nicht zuzustimmen. Die UkrainerInnen, haben nach der Revolution der Würde auf Wohlstand und Demokratie gehofft, haben aber stattdessen den Krieg, die Unruhe und die Verzweiflung bekommen. Jetzt sind es nicht das unterzeichnete Assoziierungsabkommen und die Abschaffung der Visapflicht, die das aktuelle Bild von der Ukraine zeigen, sondern es sind die kaum optimistischen Ranglisten der Massenauswanderung, noch schlechterer Lebensbedingungen und die unsichere Position auf der internationalen Ebene, die in fünf Jahren nach der viel versprechenden Revolution zum Vorschein kommen.

Die hoffnungslose Eigenschaft unseres Volkes ist aber das naive Vertrauen: Obwohl wir schon mehrmals von der Regierung betrogen wurden, bleibt die schwache Hoffnung trotzdem noch: Eines Tages wird die Ukraine nicht nur de jure, sondern auch de facto frei und unabhängig sein.

 

Quellen:

  1. Kleiner Kalender. In: http://www.kleiner-kalender.de
  2. Heute im Osten. In: https://www.mdr.de/heute-im-osten/ukraine284.html
  3. Ost Blogger. In: https://www.mdr.de/heute-im-osten/ostblogger/
  4. Telepolis. In: https://www.heise.de/tp/features/

Foto:

Inform Napalm. In: https://informnapalm.org/de/

A. Lazuka

Anastasiia Lazuka studiert zurzeit “Publizistik- und Kommunikationswissenschaft” an der Universität Wien und macht zugleich ein Fernstudium in „Journalismus“ in der Ukraine. Während des bewaffneten Konflikts im Osten ihrer Heimat und des starken “informationellen” Kriegs hat sich ihre Wille gefestigt, Fachkompetenzen im Bereich Medien zu erwerben. In ihrem Studium im Ausland sieht sie jetzt die Möglichkeit das Beispiel einer echten demokratischen europäischen Gesellschaft zu beobachten und die Organisation und Arbeit, nicht korrumpierter Medien zu erlernen. Anastasiia Lazuka macht zurzeit das Praktikum beim FOMOSO, weil sie die Aktualität und Relevanz der Ukraine-Krise in die europäische Berichterstattung zurückbringen will, um damit zur Frieden, Sicherheit und Integration Europas beizutragen.

Related Articles

Leave a Reply

Close